Die Meerapfel Maestranza Vizconde raucht sich direkt, strukturiert und mit einem klaren Profil. Gedrungenes Format, viel Substanz. Das Marketingbild von der „eisernen Faust im Samthandschuh“ passt hier erstaunlich gut. Nicht etwa als Pathosformel, sondern als recht nüchterne Beschreibung dessen, was den Genießer erwartet: Kraft mit Kontrolle.
Hinter der Maestranza steht die Tabakfamilie Meerapfel, ein Name, der in der Zigarrenwelt Gewicht hat. Produziert wird die Linie in Honduras, von erfahrenen Rollern, als handgemachte Longfiller. Die Einlage kombiniert Tabake aus Nicaragua und Honduras, das Umblatt stammt aus Costa Rica, beim Deckblatt setzt man bewusst auf Nicaragua. Viel mehr gibt der Hersteller nicht preis. Ein Ansatz, der heutzutage fast schon erfrischend altmodisch wirkt.
Viel Geheimnis und doch dechiffrierbar
Der Name „Maestranza“ ist dabei bewusst offen gehalten. Werkstatt, Werft, Waffenkammer, Meisterstück – alles ist möglich. Meerapfel selbst versteht darunter eher den Ort, an dem Dinge zusammengefügt werden. Genau diesen Eindruck vermittelt auch die Zigarre: ein Blend, der nicht auf einen einzelnen Effekt abzielt, sondern auf ein funktionierendes Ganzes.
Die Vizconde selbst ist mit 4 Inches Länge und einem 60er-Ringmaß ein eher kompaktes, aber voluminöses Format. Optisch sauber verarbeitet, ordentliches Deckblatt, kein Grund zur Klage. Beim Anzünden zeigt sich jedoch schnell: Dieses Format verlangt etwas Aufmerksamkeit. Die Feuerannahme ist zunächst etwas störrisch, hier muss sauber gearbeitet werden. Ist die Zigarre einmal in Gang, läuft sie insgesamt ordentlich, benötigt aber gelegentlich Korrekturen. Kein Totalausfall, aber eben auch kein Selbstläufer.
Geschmacklich beginnt die Vizconde recht geradlinig. Holznoten stehen klar im Vordergrund, begleitet von einer feinen Mineralität. Das wirkt kühl, fast sachlich, und gibt dem Rauch eine gewisse Nüchternheit. Im weiteren Verlauf kommen Kakao und leichte Toastnoten hinzu, die dem Blend insgesamt mehr Tiefe verleihen. Die Zigarre bleibt dabei cremig und ausgewogen, ohne jemals süßlich oder überladen zu wirken.
Das Ende: Intensiv aber nicht unharmonisch
Im letzten Drittel zieht die Intensität spürbar an. Jetzt zeigen sich auch Kaffee und Gewürze, die dem Genuss mehr Substanz geben, ohne dabei die Balance zu verlieren. Der Abgang wird leicht herb, bleibt aber sauber und kontrolliert. Zum Schluss des Rauchvergnügens hin, wird die Zigarre etwas intensiver. Störende Muffigkeit oder bittere Nuancen bleiben aber aus. Somit machen auch die letzten Züge durchaus Spaß.
Die Rauchabgabe könnte insgesamt etwas kräftiger sein, gerade bei einem 60er-Ringmaß. Im direkten Vergleich zur Maestranza Marqués mit 50er-Ringmaß fällt die Vizconde hier etwas ab. Die Marqués wirkte runder, aromatisch geschlossener und war auch konstruktiv besser zu handhaben. Dort schien das Zusammenspiel von Format und Blend stimmiger.
Unterm Strich ist die Meerapfel Maestranza Vizconde eine ehrliche, kräftigere Zigarre mit cremigem Kern und klarer Aromatik. Für 9,70 Euro geht das absolut in Ordnung. Sie ist kein Blender-Wunder und kein Alleskönner, aber ein solides Produkt mit Charakter. Mein klarer Tipp: Die Maestranza-Linie unbedingt probieren: idealerweise auch in einem anderen Format. Denn der Blend hat Potenzial, das in der Vizconde nicht ganz ausgeschöpft wird.
EtwasGenuss wünscht euch
Toto



