Wenn man eine Zigarre nach einem Freiheitskämpfer benennt, trägt sie automatisch mehr als „nur“ Tabak, Rolle und Ringmaß. Die San Martín Churchill ist Teil der Marke „Tabacos San Martin“ aus dem Hause Villiger, vorgestellt im whisky & cigar salon in Gronau, und wurde dort im Rahmen der Deutschlandpremiere erstmals in einem Setting geraucht, das ihr Thema nicht nur dekorativ begleitete, sondern fast schon gespiegelt hat.
Deutschland-Premiere in Gronau
Gemeinsam mit Martin habe ich die San Martín dort verkostet, und schon im ersten Eindruck war klar, dass hier nicht einfach ein Name auf eine Kiste gedruckt wurde, sondern ein historischer Bezug als erzählerischer Rahmen dient. José de San Martín war ein argentinischer General und einer der bedeutendsten südamerikanischen Freiheitskämpfer, der maßgeblich zur Unabhängigkeit Argentiniens, Chiles und Perus von Spanien beitrug. Er war kein Mann der schnellen Entscheidungen, sondern jemand, der Wege durch schwieriges Terrain plante, Armeen über die Anden führte und politische Ziele mit militärischer Präzision verfolgte. Diese Art von Konsequenz zieht sich erstaunlich passend durch den Rauchverlauf dieser Zigarre, ohne dass sie sich jemals in Pathos verliert.
Die Zigarrenmarke Tabacos San Martin ist klar positioniert im Premiumbereich.Preislich bewegt sich die Churchill bei 17,50 Euro, die Robusto bei 15,50 Euro, die Robusto im Tubos bei 17,50 Euro und die Piramides bei 17,00 Euro. Für den Handel ist aktuell die 3er-Box der Robusto im Tubos verfügbar, ein 3er-Sampler mit allen Formaten ist angekündigt, Kisten sollen im Verlauf des Sommers folgen. Die Herkunft aus der Dominikanischen Republik, gefertigt bei ABAM Gran Fabrica de Tabacos unter der Verantwortung von Matías Maragoto, erklärt die handwerkliche Präzision, die sich im gesamten Aufbau der Zigarre widerspiegelt. Aber dazu an späterer Stelle mehr. Die Tabakzusammensetzung bleibt geheim. Bekannt ist lediglich, dass karibische Tabake verwendet werden. Gerade diese Zurückhaltung passt zum Gesamtbild, weil die Zigarre nicht über Transparenz im Detail arbeitet, sondern über Wirkung im Verlauf. Hinzu kommt, dass der mythischen Freiheitskämpfer-Figur so Rechnung getragen wird.
Vom historischen Mythos zum genussreichen Mythos
Aber kommen wir nun zur Zigarre: Die Churchill selbst zeigt sich schon vor dem Anzünden sehr kontrolliert. Das Deckblatt ist sauber verarbeitet, gleichmäßig und ohne optische Unruhe. Im Kaltgeruch zeigt sich eine Mischung aus sehr dezenten Heunoten, Leder und einer feinen, zurückhaltenden Würze. Die Zigarre vermittelt ein vorsichtiges Sortieren von Eindrücken, bevor etwas Spezielles beginnt. Der Kaltzug bestätigt diesen Eindruck mit sehr gutem Widerstand und klaren Noten von Zedernholz und Leder.
Nach dem Anzünden setzt die Zigarre ruhig ein: Der Zug ist sauber, die Rauchentwicklung ausreichend, ohne überdimensioniert zu sein – für ein Churchill-Format aber absolut überzeugend.
Das erste Drittel bleibt bewusst strukturiert: Zedernholz steht im Vordergrund, begleitet von gegerbtem Leder und einer feinen, erdigen Basis. Diese Kombination wirkt nicht konstruiert, sondern klar geführt. Im zweiten Drittel verändert sich die Dynamik etwas. Das Zedernholz zieht sich langsam zurück, Leder und Erde übernehmen stärker die Führung und die Zigarre wird deutlich cremiger. Nun tritt auch eine leichte Säure hinzu, kaum greifbar, eher eine Nuance als ein klares Aroma. Sie bringt Bewegung in das Profil, ohne es zu stören.
Im letzten Drittel verdichtet sich das Aromenspiel weiter. Die Zigarre gewinnt an Tiefe, bleibt aber in ihrer Struktur stabil. Erde und Leder bilden weiterhin das Fundament, während Zedernholz in feiner Dosierung zurückkehrt. Hinzu kommt eine feine Röst-Aromatik. Aus der zuvor angedeuteten Säure entwickelt sich eine hauchzarte Zitrusnote, die dem Gesamtbild eine zusätzliche Dimension verleiht, ohne es zu verschieben. Alles wirkt enger miteinander verbunden, fast so, als würden die einzelnen Elemente nicht mehr nebeneinander stehen, sondern ineinandergreifen. Und dazu immer noch diese angenehme Creme. Gerade in diesem Verlauf zeigt sich die Stärke der San Martín Churchill. Keine plötzlichen Wendungen, sondern ein Rauchverlauf der seinen Charakter über Zeit entfaltet. Die Balance bleibt dabei durchgehend erhalten, ebenso die Klarheit der einzelnen Aromen. Technisch bleibt sie stabil, mit gleichmäßigem Abbrand und konstantem Zugverhalten über die gesamte Rauchdauer. Die Asche präsentiert sich mittel- bis hellgrau und stabil.
Premiumqualität hat ihren gerechtfertigten Preis
Die Einordnung im Premiumsegment ist hier nicht nur eine Frage des Preises, der bei 17,50 Euro liegt, sondern vor allem eine Frage der Umsetzung. Die Verarbeitung ist so sauber und die Konstruktion so zuverlässig, dass diese Faktoren in Verbindung mit der aromatischen Entwicklung ein Gesamtbild erzeugen, das weniger auf einzelne Höhepunkte setzt als auf einen durchgehend geschlossenen und äußerst lecker-harmonischen Rauchverlauf. 
Die historische Referenz auf José de San Martín bleibt dabei mehr als ein Etikett. Sie funktioniert als Rahmen für ein Produkt, das ebenfalls mit Ausdauer, Klarheit und Zielgerichtetheit arbeitet. San Martín der Freiheitskämpfer und San Martín die Zigarre teilen zwar keine direkte Geschichte bis auf das Narrativ, aber eine ähnliche Logik: Bewegung entsteht nicht durch Agitation, sondern durch Konsequenz über Strecke. Und das traf bei meiner verlosteten Churchill auf jeden Fall zu.
Zigarrenüberraschung des Jahres
Liebe Aficionados, mit der San Martín Churchill bekommt ihr demnächst eine neue Zigarre präsentiert, die euch – ebenso wie mir – das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Mit dem harmonischen Aromenspiel, der Perfektion in der Verarbeitung und dem Wow-Charakter beim Genuss ist Villiger etwas Großes gelungen. Meine Prognose: Diese Zigarre wird im wahrsten Sinne des Wortes bald „in aller Munde“ sein. Ich freue mich schon auf den Genuss einer Robusto, um sie direkt mit der Churchill vergleichen zu können.
Vielen Dank an Villiger für den gelungenen Premierenabend und das Rezensions-Exemplar. Und ihr könnt gewiss sein, dass die Zigarre nicht aus diesem Grund eine tolle Bewertung erhalten hat, sondern weil sie mich vom ersten Zug bis zum abgelegten Stumel absolut überzeugt hat!
In diesem Fall wünsche ich euch nicht nur EtwasGenuss, sondern viel Genuss und noch größeren Spaß beim Verkosten!
Euer Toto
P.S. Kleine Randnotiz: Martin glaubt bis heute, dass ihm Villiger mit der San Martín ein Denkmal setzen wollte. Lassen wir ihn in diesem Glauben …



