Erlösung kann viele Formen annehmen. Manche finden sie nach einer langen Wanderung, andere nach einem überstandenen Behördenbesuch. Die Black Label Trading Company hat eine eigene Interpretation entwickelt und sie kurzerhand Salvation genannt. Eine Zigarre, die nicht weniger verspricht als die Befreiung von den kleinen und großen Mühen des Alltags. Angesichts eines Ringmaßes von 60 stellt sich allerdings zunächst die Frage, ob der Weg zur Erlösung hier nicht etwas länger ausfällt als üblich.
Die Geschichte hinter dieser Zigarre passt erstaunlich gut zu ihrem Namen. Hinter der Black Label Trading Company stehen Angela und James Brown, die irgendwann den klassischen Lebensweg gegen eine ausgedehnte Reise ins Ungewisse eintauschten. Nach zahlreichen Stationen rund um den Globus fanden sie schließlich in Nicaragua ihre persönliche Bestimmung. In Estelí gründeten sie die Tabacalera Oveja Negra (Schwarzes Schaf) und machten aus ihrer Leidenschaft für Premiumzigarren einen Beruf. Die Salvation gehört dabei zu den ersten Kreationen des Hauses und ist bis heute fester Bestandteil des Kernsortiments.
Für ihre Entstehung werden ausschließlich nicaraguanische Einlagetabake verwendet. Hinzu kommen ein Umblatt aus Honduras sowie ein sonnenverwöhntes Ecuador-Sungrown-Deckblatt. Eine Art tabakgewordene Pilgergemeinschaft also, die sich in Estelí versammelt hat, um gemeinsam den Weg zur Erlösung zu beschreiten.
Bereits beim ersten Kontakt wird klar, dass die Salvation Grand Toro nicht unter Größenwahn leidet. Sie hat ihn erfolgreich in Tabak umgesetzt. Das Format ist stattlich. Mit über 15 Zentimetern Länge und einem Ringmaß von 60 liegt da kein filigraner Abendbegleiter vor einem, sondern ein ernstzunehmendes Stück Tabakkunst. Wer sie aus dem Humidor nimmt, verpflichtet sich gewissermaßen zu einer kleinen Wallfahrt.
Nicaraguanische Erlösung oder lange Wallfahrt?
Der Anschnitt gelingt problemlos. Keine ausgefranster Zigarrenkopf, kein Widerstand, keine Prüfung des Glaubens. Auch die Feuerannahme verläuft mustergültig. Die Salvation zeigt sich vom ersten Moment an kooperativ. Der Zug ist relativ offen, bewegt sich aber jederzeit im angenehmen Bereich. Es gibt Zigarren, die den Raucher arbeiten lassen. Die Salvation gehört nicht dazu. Ihr Motto: „Setz dich hin, entspann dich. Den schwierigen Teil übernehmen wir.“
Die ersten Züge eröffnen die Reise mit klassischen und ausgesprochen stimmigen Aromen. Holz und Erde bilden das Fundament. Dazu gesellen sich leichte Toastnoten, die an frisch geröstetes Brot erinnern, sowie angenehme Kaffeeanklänge. Im Hintergrund meldet sich schwarzer Pfeffer zu Wort, allerdings eher als höflicher Gesprächspartner denn als aggressiver Prediger.
Bereits in dieser frühen Phase zeigt sich eine Eigenschaft, die viele Zigarrenfreunde an den Kreationen von Black Label Trading Company schätzen: Charakter ohne Übertreibung. Die Salvation besitzt genügend Persönlichkeit, um interessant zu bleiben, ohne dabei anstrengend zu wirken.
Mit zunehmender Rauchdauer beginnt die eigentliche Offenbarung.
Die Textur wird deutlich cremiger. Das Rauchvolumen nimmt spürbar zu und sorgt für ein angenehm dichtes Mundgefühl. Gleichzeitig gewinnt der Kaffee immer mehr an Präsenz. Was anfangs noch eine Begleiterscheinung war, entwickelt sich nun zu einem zentralen Bestandteil des Aromenspektrums.
Der Pfeffer zieht sich dagegen Schritt für Schritt zurück. Vermutlich hat auch er seinen Frieden gefunden.
Dafür betreten nun feine Schokoladennoten die Bühne. Nicht süß und verspielt, sondern angenehm dunkel und erwachsen. Gemeinsam mit dem Kaffee entsteht eine Kombination, die hervorragend mit den erdigen und holzigen Komponenten harmoniert. Die einzelnen Aromen greifen dabei sauber ineinander. An diesem Punkt begann ich, den Namen Salvation etwas besser zu verstehen.
Vielleicht besteht Erlösung gar nicht darin, irgendwo anzukommen. Vielleicht besteht sie darin, für zwei Stunden sämtliche E-Mails, Termine, To-do-Listen und Alltagssorgen zu vergessen, während man gemütlich in einem Sessel sitzt und einer gut gemachten Zigarre beim Entfalten ihrer Aromen zusieht.
Je weiter die Grand Toro voranschreitet, desto deutlicher wird ihre Stärke: Balance.
Viele großformatige Zigarren verlieren irgendwann die Orientierung. Manche werden monoton. Andere versuchen plötzlich, ihre Stärke zu verdoppeln und den Raucher mit Nikotin zu missionieren. Die Salvation entscheidet sich für einen anderen Weg. Sie bleibt ihrer Linie treu und entwickelt ihre Aromen kontinuierlich weiter.
Zu Beginn des letzten Drittels erweitert sich das Profil erneut. Nun treten zusätzliche Nussaromen hervor. Sie verleihen dem Rauchverlauf weitere Tiefe und ergänzen die bereits vorhandenen Kaffee- und Schokoladennuancen hervorragend. Gleichzeitig gewinnt die Erdigkeit an Intensität. Sie wirkt dunkler, reifer und etwas komplexer als noch zu Beginn.
Dabei bleibt die Zigarre jederzeit ausgewogen. Kein Aromabereich übernimmt dauerhaft die Kontrolle. Stattdessen entsteht ein angenehm abwechslungsreiches Zusammenspiel, das bis zum Ende spannend bleibt.
Auch technisch gibt sich die Salvation kaum eine Blöße. Der Abbrand verläuft über weite Strecken sauber und gleichmäßig. Lediglich minimale Korrekturen waren im Rauchverlauf erforderlich. Nichts Dramatisches, oder Störendes. Die Konstruktion unterstützt den Genuss, anstatt ihn herauszufordern.
Während die letzten Zentimeter langsam verglimmen, drängt sich eine weitere Erkenntnis auf.
In vielen Religionen und philosophischen Traditionen ist Erlösung das Ergebnis langer Prüfungen. Man muss Hindernisse überwinden, Versuchungen widerstehen und schwierige Wege beschreiten. Die Salvation Grand Toro präsentiert eine deutlich angenehmere Alternative.
Hier bestehen die Prüfungen aus der Frage, ob man lieber die Kaffee-, Schokoladen-, Holz-, Erd- oder Nussaromen hervorheben möchte. Die Versuchungen bestehen darin, die nächste Zigarre aus dem Humidor zu ziehen. Und der beschwerliche Weg zur Erleuchtung führt direkt über einen bequemen Sessel und ein gutes Getränk.
Am Ende bleibt eine Zigarre, die vieles von dem verkörpert, was Black Label Trading Company seit Jahren auszeichnet. Sie ist charaktervoll, aromatisch vielschichtig und hervorragend ausbalanciert. Die mittelkräftige Stärke macht sie sowohl für erfahrene Aficionados als auch für neugierige Entdecker interessant. Vor allem aber besitzt sie diese besondere Eigenschaft, die sich nur schwer in technische Daten oder Aromatabellen fassen lässt: Sie macht einfach Spaß.
Für mich ist die Salvation Grand Toro ein Paradebeispiel dafür, warum die Zigarren aus der Oveja Negra-Tabacalera unter Liebhabern einen so guten Ruf genießen. Der Smoke bietet Abwechslung, Tiefe und Genuss von Anfang bis Ende. Typisch BLTC eben.
Und die eingangs gestellte Frage?
Nein, die Erlösung besteht keineswegs darin, froh zu sein, diesen stattlichen Prügel endlich aufgeraucht zu haben.
Die eigentliche Erlösung besteht darin, nach dem letzten Zug festzustellen, dass die Zeit deutlich schneller vergangen ist, als man es gerne gehabt hätte. Und dass man schon darüber nachdenkt, wann die nächste Salvation ihren Weg aus dem Humidor finden darf.
Amen und EtwasGenuss!
Euer Toto



