Art Déco zum Anzünden – aber wo bleibt der große Auftritt am Gaumen?

Art Déco zum Anzünden – aber wo bleibt der große Auftritt am Gaumen?

Es ist eine jener Abende, an denen die Zeit freiwillig den Hut zieht. Der Raum ist in warmes Bernsteinlicht getaucht, irgendwo knistert eine Jazzplatte, die Gläser sind schwer, die Stimmen gedämpft. Man sitzt tiefer im Sessel als nötig, denn Haltung ist heute zweitrangig, Stil hingegen ist Pflicht. In genau dieses Szenario schiebt sich die Capitol Art Déco Limited Edition mit der Selbstverständlichkeit eines maßgeschneiderten Smokings. Schon bevor das Feuer an die Zigarre darf, hat die Zigarre ihren großen Auftritt.

Die Marke Capitol versteht sich als Hommage an die goldenen Zwanziger, jene Epoche zwischen Aufbruch und Ausschweifung, zwischen Eleganz und Exzess. Geblendet wurde diese Linie von Rafael Nodal, einem Mann, der nicht nur Tabak, sondern auch Musik liebt. Der Legende nach war es der Klang von Duke Ellington, der beim Auflegen einer Jazzplatte Bilder von verrauchten Clubs, federbesetzten Stirnbändern und funkelnden Kronleuchtern vor seinem inneren Auge entstehen ließ. Aus diesen Bildern wurde schließlich die Capitol. Eine Zigarre als Zeitmaschine, zumindest dem Anspruch nach …

Capitol Art Déco – Klassiker mit Stil oder Blender?

Produziert wird die Art Déco Limited Edition in Nicaragua, und zwar mit Unterstützung von niemand Geringerem als Nestor Plasencia. Ein Name, der in Aficionado-Kreisen Gewicht hat und Erwartungen weckt. Die vollständig nicaraguanische Mischung aus Einlage, Umblatt und Deckblatt stammt aus Estelí, Jalapa und Condega. Drei Regionen, die für Kraft, Eleganz und aromatische Tiefe stehen. Auf dem Papier liest sich das wie ein Versprechen: mittelkräftiger Charakter, elegantes Aromenspiel, Holz, Röstaromen, Gewürze, dazu Kakao, Vanille, Nüsse und Kaffee. Eine Komposition, die klingt wie das Menü eines Grandhotels an der Fifth Avenue im Jahr 1927.

Und dann ist da diese Optik. Mittelbraunes, seidig glänzendes Deckblatt, feinadrig, sehr gut verarbeitet. Gleich drei Anillas schmücken die Zigarre, jede einzelne im Art-Déco-Stil der 20er-Jahre gehalten. Goldene Linien, klare Geometrie, grafische Eleganz. Man möchte fast sagen: Diese Zigarre ist nicht nur präsent , das ist Inszenierung. Optisch spielt die Capitol Art Déco in der ersten Liga, ohne Wenn und Aber.

Von der Theorie in die Praxis: Die ersten Züge

Vor dem Anzünden wandert die Zigarre noch einmal prüfend unter die Nase. Holz und Erde steigen auf, sauber, klar, ohne Überraschungen. Der Anschnitt gelingt mühelos, der Kaltzug ist relativ offen, irgendwo bei 45 Prozent. Erste Zedernnoten zeigen sich, dazu eine ganz leichte, beinahe schüchterne Nussigkeit. Nichts Lautes, nichts Aufdringliches, eher ein leiser Gruß aus dem Inneren.

Mit dem Entzünden bestätigt sich der erste Eindruck. Der Zug ist offen, aber nicht fahrlässig – bei etwa 50 Prozent , das Rauchvolumen üppig und dicht. Handwerklich gibt es nichts zu mäkeln: gleichmäßiger Abbrand, kompakte, mittelgraue Asche, ein Rauchverhalten, wie man es von einer bei Plasencia gefertigten Zigarre erwartet. Hier sitzt jeder Handgriff, hier wurde sauber gearbeitet. Doch während der Rauch elegant durch den Raum zieht, stellt sich bereits im ersten Drittel eine gewisse Ernüchterung ein.

Aromatisch bleibt die Zigarre zunächst erstaunlich gradlinig. Zedernholz dominiert, angenehm herb, begleitet von einer erdigen Basis. Das ist solide, durchaus gefällig, aber auch eindimensional. Die versprochene Komplexität bleibt zunächst hinter dem schweren Vorhang aus Design und Erwartung verborgen. Man wartet, lauscht, gibt der Zigarre Zeit. So wie man auch einem Jazzsolo Zeit gibt, sich zu entfalten.

Im zweiten Drittel verändert sich das Bild nur marginal. Die Erde tritt etwas zurück, die Zeder bleibt das bestimmende Element. Ganz dezent blitzt eine Mandelnote auf, mehr Andeutung als Aussage. Es ist, als würde die Band im Hintergrund zwar sauber spielen, aber niemand traut sich, ein echtes Solo zu übernehmen. Alles bleibt kontrolliert, geschniegelt, höflich.

Erst im letzten Drittel kommt etwas Bewegung ins Spiel. Die Intensität nimmt zu, die Textur wird cremiger, und eine feine Melasse-Süße schleicht sich in den Rauch. Sie ist angenehm, verleiht der Zigarre kurzzeitig etwas Tiefe, doch auch hier bleibt alles zurückhaltend. Die Mandel tritt eher in den Hintergrund, neue Aromen betreten die Bühne nicht. Das Zedernholz bleibt bis zum Schluss der unumstrittene Hauptdarsteller.

Stilvoll aber wenig aufregend

Und so endet diese Reise ein wenig so, wie sie begonnen hat: stilvoll, sauber, kontrolliert. Die in vielen Beschreibungen genannten Noten von Vanille, Kaffee, Kakao oder ausgeprägten Röstaromen bleiben für meinen Gaumen leider reine Theorie. Sie mögen da sein, irgendwo zwischen den Linien, doch sie drängen sich nicht auf, sie entwickeln kein eigenes Spiel. Die Capitol Art Déco Limited Edition ist aromatisch korrekt, aber nicht aufregend. Sie ist wie ein perfekt geschnittener Anzug, der allerdings nie getragen wird, um zu tanzen.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Handwerklich ist diese Zigarre nahezu makellos, optisch ein echtes Statement, ein Schmuckstück für jeden Humidor. Aromatisch jedoch bleibt sie hinter ihrem glamourösen Auftritt zurück. Für rund zwölf Euro ist sie fair bepreist, aber kein Geheimtipp. Eine solide, gradlinige Zigarre ohne echte Höhepunkte. Mehr Pflicht als Kür.

Vielleicht ist das ihre größte Ironie: Sie beschwört den Geist der Roaring Twenties, einer Zeit des Überschwangs, der Experimente und der Exzesse, bleibt selbst jedoch erstaunlich diszipliniert. Schön anzusehen, angenehm zu rauchen, aber ohne das letzte Quäntchen Wagemut. Ein Abend im Jazzclub, bei dem man tadellos bedient wird und dennoch ein wenig früher geht, als geplant.

Etwas Genuss wünscht euch Toto


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