Der Mythos kubanischer Zigarren lebt von großen Versprechen: Sonne, Vuelta Abajo, jahrhundertealtes Handwerk, Genuss mit Gänsehaut. Umso ernüchternder, wenn genau dieser Mythos in der Praxis zuletzt Risse bekam. Teuer, schlecht verarbeitet, Ärger mit Zug und Abbrand. Die Partagás Línea Maestra Maestro und eine Serie P No.2 haben mein Vertrauen in kubanische Zigarren zuletzt spürbar strapaziert. Viel Legende, wenig Genuss.
Und dann kommt die Cohiba Siglo II ins Spiel. Und plötzlich ist es wieder da, dieses schwer zu erklärende Kuba-Feeling.
Die Siglo II stammt aus der Línea 1492, jener Cohiba-Reihe, die nicht mit Kraft protzt, sondern eher mit dem feinen Florett daher kommt. Kubanischer Gentleman statt Sergio Oliva (kubanischer Kult-Bodybuilder). Mit 12,9 cm Länge, Ringmaß 42 und Marevas-Format ist sie kompakt, elegant und bewusst nicht einschüchternd. Das feinadrige, mittelbraune Deckblatt ist ein Augenschmeichler. Eine Zigarre, die man raucht, ohne ihr den ganzen Abend auf dem eiskalten heimischen Balkon widmen zu müssen. Rund 55 Minuten reichen völlig, um zu verstehen, warum sie als Klassiker gilt.
Schon beim Anzünden zeigt die Siglo II, was man von einer Cohiba erwarten darf: saubere Feuerannahme, perfekter Abbrand, und ein fester aber passabler Zugwiderstand. Keine Bastelarbeit, kein Nachfeuern, kein Fluchen. Einfach rauchen. Allein das fühlte sich nach den letzten Kuba-Erfahrungen fast schon befreiend an.
Aromatisch bleibt sie abwechslungsreich, ohne überambitioniert zu wirken. Angenehme Würze, dazu Kakao- und Kaffeenoten, fein eingebettet in süßliche, holzige Nuancen. Sanfte Anklänge von Frucht blitzen auf, bleiben aber dezent. Das Ganze ist eher mild bis mittelkräftig, gut ausbalanciert und vor allem: konstant. Kein nervöser Verlauf, kein Absturz im letzten Drittel. Stattdessen ein durchweg stimmiges Rauchvergnügen.
Gerade darin liegt ihre Stärke. Die Siglo II will nicht beweisen, wie komplex sie ist, sie gefällt einfach. Sie nimmt den Genießer an die Hand, verwöhnt, ohne zu belehren, und erinnert daran, warum kubanische Zigarren einst diesen legendären Ruf erlangt haben.
Am Ende bleibt das Gefühl, endlich wieder eine befriedigende Kuba-Erfahrung gemacht zu haben. Keine Diva, kein Blender, sondern eine ehrliche, hochwertige Havanna, die den Mythos nicht beschwört, sondern einfach liefert. Der Preis von 39 Euro ist für das Format ambitioniert. Da sie aber zwei Jahre in meinem Humidor ruhte, sind die 19,50 Euro pro Jahr gut angelegtes Geld.
Die Cohiba Siglo II ist kein lautes aber ein sehr überzeugendes Statement. Und manchmal ist genau das alles, was es braucht, um den Glauben an Kuba wiederherzustellen.
EtwasGenuss wünscht euch
Toto



