Die Sache mit diesem Review hat einen kleinen Haken: Ich kenne die ursprüngliche El Grande Consejero nicht. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil sich diese Gelegenheit damals schlicht nicht ergeben hat. Andere hatten ihren großen Moment mit der legendären Zigarre, ich stand offenbar gerade irgendwo daneben und habe etwas anderes geraucht. Umso gespannter war ich, als die Neuauflage der El Grande Consejero – Consejero steht für Berater oder Ratgeber – bei mir auf dem Tisch lag. Die Urtyp El Grande Consejero II ist schließlich nicht einfach irgendeine neue Zigarre. Sie trägt einen Namen, der innerhalb der Urtyp-Geschichte ordentlich Gewicht hat. Da fragt man sich natürlich unweigerlich: Was kann die neue Ausgabe?
Die Antwort darauf muss ich ohne historischen Direktvergleich geben. Ich kann nicht behaupten, die alte El Grande sei besser, schlechter, stärker, cremiger oder sonst was gewesen. Dafür müsste ich sie erst einmal geraucht haben. Alles andere wäre Zigarrenfolklore mit eingebautem Bullshit-Bingo. Was ich aber beurteilen kann, ist die neue Consejero II. Und die macht schon vor dem ersten Zug ziemlich deutlich, dass sie mehr ist, als eine schmucke Wiederauflage einer legendären Zigarre!
Zigarrenkunst made in Frankfurt am Main
17 Euro kostet das gute Stück, gerollt wird sie tatsächlich von Gina Reyes in Frankfurt am Main. Das sorgt schon einmal für einen ungewöhnlichen geografischen Zusammenhang. Ecuador liefert das Deckblatt, die Dominikanische Republik Umblatt und Einlage, und dort hört die Sache mit den Ländern auch nicht auf. Insgesamt acht verschiedene Einlagetabake stecken in der Mischung. Acht! Bei weniger sorgfältiger Zusammenstellung könnte das schnell nach einer Tabak-WG klingen, in der jeder Bewohner gleichzeitig seine Lieblingsmusik aufdreht. Bei der Consejero II funktioniert das erstaunlich gut. Ist aber auch nicht weiter verwunderlich, denn Conrad Menzel gilt nicht nur als Zigarren-Enthusiast, sondern auch als Perfektionist in diesem Genre.
Urtyp hat sich in den vergangenen Jahren vor allem mit der Marble Heads-Serie einen Namen gemacht. Unterschiedliche Formate, individuelle Blends und eine ziemlich deutliche Vorliebe für komplexe Aromatik gehören dort zum Konzept. Die Consejero II schlägt nun die Brücke zurück zu den Ursprüngen der Marke. Conrad Menzel hat die ursprüngliche El Grande Consejero entwickelt, Gina Reyes bringt die neue Version mit auf den Weg. Damit ist die Messlatte automatisch etwas höher als bei einer völlig unbekannten Boutique-Zigarre. Wer einen legendären Namen wieder aus der Schublade holt, muss damit rechnen, dass die Kundschaft genauer hinschaut.
Und genau das mache ich jetzt.
Optisch macht die Consejero II dabei wenig Anstalten, sich kleinzumachen. Die schwarz-goldene Banderole wirkt ziemlich edel aber dennoch nicht „too much“, die Goldprägungen der Frankfurter Skyline geben der Anilla zusätzlich den nötigen Premium-Auftritt. Man könnte auch sagen: Understatement war hier offenbar gerade aus. Mir gefällt das durchaus, denn die Zigarre wirkt dadurch edel aber nicht „neureich“. Unter der Banderole sitzt ein mittelbraunes, ordentlich verarbeitetes Deckblatt aus Ecuador. Die Zigarre ist fest gerollt und macht insgesamt einen sehr hochwertigen Eindruck. Gina Reyes‘ Hände haben offenbar ganze Arbeit geliefert.
Auch das Format passt zum Anspruch. Die Consejero II ist eine kräftige Toro und damit kein Kandidat für den Smoke zwischen Tür und Angel. Rund 90 Minuten sollte man ihr schon gönnen. Wer nach 30 Minuten ungeduldig wird, kann sich natürlich eine kürzere Zigarre nehmen. Oder einen Termin absagen. Beides ist völlig legitim.
Beim Kaltgeruch hält sich die Consejero II zunächst erstaunlich zurück. Ich hatte angesichts des Auftritts mit etwas mehr überbordender Wucht gerechnet. Stattdessen kommen vor allem Röstaromen zum Vorschein, dazu eine ganz leichte schokoladige und unterschwellig nussige Note. Das Ganze wirkt eher mild und elegant. Leder? Fehlanzeige. Kräftige Erde? Eher erahnbar! Die Zigarre scheint sich vor dem Anzünden erst einmal vornehm zurückhalten zu wollen.
Der Kaltzug setzt dieses Verhalten fort. Der Zugwiderstand liegt bei ungefähr 50 Prozent, dazu kommen leichte Röstaromen und eine dezente Erdigkeit. Viel mehr passiert zunächst nicht. Wer an dieser Stelle den Aromenbogen schon ausfüllen möchte, dürfte ziemlich schnell mit einem Bleistift dasitzen und überlegen, ob „Tabak“ als Geschmacksnote eigentlich auch zählt.
Feuer frei!
Dann kommt das Feuer. Und damit ist es vorbei mit der Zurückhaltung.
Die Consejero II produziert vom Start weg ordentlich Rauch. Nicht ein bisschen Rauch, sondern richtig viel. Gleichzeitig steigt der Zugwiderstand auf ungefähr 55 Prozent und landet damit für meinen Geschmack ziemlich genau dort, wo er sein soll. Die ersten Züge bringen einen mittelkräftigen Röstkaffee, dazu eine cremige Süße und eine deutliche Cappuccino-Assoziation. Im Hintergrund bleibt eine kleine Spur Erde. Das ist ein ausgesprochen harmonischer Einstieg.
Vor allem die Kombination aus Kaffee und Cremigkeit funktioniert hervorragend. Der Kaffee wirkt nicht bitter oder aggressiv, sondern angenehm geröstet. Die Süße nimmt ihm die Kante, ohne daraus eine Dessertzigarre zu machen. Die Consejero II startet damit erstaunlich gefällig. Wer nach dem eher unspektakulären Kaltzug bereits befürchtet hat, hier würde sich eine ziemlich durchschnittliche Tabakrolle gemütlich durch die nächsten 90 Minuten arbeiten, wird schnell eines Besseren belehrt.
Die ersten Zentimeter machen nämlich Spaß. Viel Spaß!
Der Abbrand läuft sauber, die Rauchentwicklung bleibt stark und die Zigarre verlangt keine permanenten Wartungsarbeiten. Kein Schiefbrand, kein hektisches Nachfeuern, kein Moment, in dem man sich fragt, ob man raucht oder gerade einen kleinen Holzofen fütter muss. Sie macht einfach ihren Job.
Eine Zigarre mit Tiefgang!
Im ersten Drittel gefällt mir besonders die Balance: Kaffee, Röstaromen und cremige Süße stehen im Mittelpunkt. Die leichte Erdigkeit hält sich angenehm im Hintergrund. Die Zigarre wirkt mittelkräftig, aber keineswegs schwach. Sie versucht nicht, mit Stärke Eindruck zu schinden. Stattdessen setzt sie auf ein rundes Aromengerüst und Tiefgang.
Mit dem Übergang ins zweite Drittel verändert sich die Geschichte. Die Consejero II wird vollmundiger. Die Röstaromen legen zu, während die cremige Süße etwas zurückgeht. Jetzt kommt etwas Leder ins Spiel und bringt eine trockene, leicht herbe – ich möchte fast meinen – würzige Komponente mit. Dazu gesellt sich eine subtile Pfeffernote. Keine Pfeffergranate im Stile eines Don Pepin , die einem plötzlich die Nasenhaare auf links dreht, sondern eher ein kleiner Hinweis darauf, dass die Zigarre durchaus noch andere Register ziehen kann.
Hier bekommt die Consejero II für mich ihren eigentlichen Boutique-Charakter. Sie bleibt nicht einfach auf dem Niveau des ersten Drittels stehen, sondern entwickelt sich. Und zwar nachvollziehbar. Der Blend wirkt zunehmend komplexer, ohne unrund zu werden. Das ist bei acht verschiedenen Einlagetabaken durchaus eine Leistung. Acht Tabake können eine Menge, wenn sie vernünftig miteinander verheiratet werden. Sie können aber auch gemeinsam einen aromatischen Betriebsausflug veranstalten, bei dem jeder in eine andere Richtung läuft. Die Consejero II gehört erfreulicherweise zur ersten Kategorie. Die Komponenten ergänzen sich, statt miteinander zu konkurrieren.
Besonders schön ist dabei, dass die Zigarre nicht versucht, jede Minute eine neue Sensation aus dem Hut zu zaubern. Kaffee bleibt Kaffee, Röstaromen bleiben Röstaromen, Leder kommt hinzu und die Süße zieht sich langsam zurück. Das klingt unspektakulär, ist beim Rauchen aber genau das Gegenteil. Die Entwicklung wirkt äußerst organisch.
Aromatisch ein Highlight und hervorragend konstruiert
Und technisch bleibt die Zigarre ebenfalls auf Kurs. Der Abbrand ist sauber und gleichmäßig. Der Zug bleibt angenehm. Die Rauchentwicklung ist weiterhin kräftig. Man kann sich also tatsächlich auf die Aromen konzentrieren, statt alle paar Minuten den inneren Zigarrenmechaniker herauszuholen.
Im letzten Drittel wird es dann noch einmal deutlich kräftiger. Die Röstaromen übernehmen endgültig das Kommando. Kaffee und eben diese Röstnoten dominieren, Leder legt ebenfalls noch einmal etwas zu. Die cremige Süße, die den Einstieg so angenehm gemacht hat, ist inzwischen fast verschwunden und wirkt bestenfalls sanft im Hintergrund mit. Dafür wird das Finale trockener, würziger und insgesamt intensiver.
Wichtig ist dabei: Die Consejero II wird kräftiger, aber sie kippt nicht ins Unangenehme. Sie bietet keine übertriebene Schärfe, keinen plötzlichen Pfefferangriff und auch keine bittere Schlussphase, bei der man froh ist, endlich am Ende angekommen zu sein. Stattdessen zieht die Zigarre ihr Profil konsequent durch.
Nach rund 105 Minuten ist dann Schluss. Die Rauchabgabe ist bis dahin beeindruckend geblieben, der Zug funktioniert weiterhin bestens und die hellgrau-weiße Asche passt optisch hervorragend zum Gesamtbild. Konstruktiv gibt es wenig zu beanstanden. Das ist eine Zigarre, die man anzündet und anschließend tatsächlich rauchen kann. Klingt banal, ist aber eine Eigenschaft, die man bei weitem nicht jeder Zigarre zugestehen möchte. Ich habe sie bis zum – dieses Mal nicht bitteren – Ende geraucht!
Und was ist nun mit der Legende?
Die Frage kann ich nur eingeschränkt beantworten. Ich kenne das Original nicht und werde deshalb einen Teufel tun, hier irgendwelche historischen Vergleichsnoten aus dem Hut zu zaubern. Die El Grande Consejero II muss sich bei mir gegen keine nostalgisch verklärte Erinnerung behaupten. Sie bekommt die faire Chance, einfach das zu sein, was sie ist: Und das ist eine verdammt gute Boutique-Zigarre.
Die Stärke der Consejero II liegt für mich weniger in einem einzelnen spektakulären Aroma als in ihrer Entwicklung. Der Smoke beginnt mit Kaffee, cremiger Süße und einer Spur Erde. Im zweiten Drittel wird er röstiger und vollmundiger, Leder kommt hinzu, die Süße geht etwas zurück und eine dezente Pfeffernote bringt zusätzliche Spannung. Im Finale dominieren kräftige Röstaromen und Leder, während die Süße fast vollständig verschwindet. Das Ganze bleibt dabei erstaunlich ausgewogen.
Damit schafft die Neuauflage etwas, das bei solchen Projekten gar nicht so selbstverständlich ist: Sie kann den Namen El Grande Consejero tragen, ohne sich ausschließlich auf ihn verlassen zu müssen. Und vielleicht ist das für mich sogar der interessanteste Punkt an dieser Zigarre. Ich habe die erste Ausgabe verpasst. Ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern. Dafür habe ich jetzt eine zweite Chance bekommen, die Geschichte kennenzulernen. Was ich aber sagen kann: Wenn Urtyp mit dieser Neuauflage neue Erinnerungen schaffen wollte, ist das Projekt ziemlich ordentlich angelaufen.
Die 17 Euro sind angesichts der Verarbeitung, der Rauchdauer und der aromatischen Entwicklung für mich gut angelegt. Man bekommt keine Zigarre, die ins absolute Premium-Segment gehört. Der Blend, der seine acht Einlagetabake nicht wie eine Werbebotschaft vor sich herträgt, ist sauber abgestimmt und lässt die Zigarre auf sehr hohem NIveau im HIntergrund ihren Dienst tun.
Die El Grande Consejero II ist damit genau das, was ich mir von einer guten Boutique-Zigarre wünsche: charaktervoll, „technisch“ zuverlässig, aromatisch interessant und mit genügend Entwicklung, dass die rund 105 Minuten nicht zur Pflichtveranstaltung werden.
Und vielleicht ist das die schönste Pointe an meiner persönlichen Ausgangslage. Ich wollte unbedingt wissen, was an dem legendären Ruf der El Grande Consejero dran ist. Jetzt weiß ich zumindest, dass die neue Consejero II ihren eigenen Ruf durchaus verdient hätte. Ob sie der alten Legende gerecht wird, müssen andere entscheiden. Für mich ist die El Grande Consejero II eine der großen, positiven Überraschungen des Jahres und eine in allen Belangen ziemlich geile Boutique-Zigarre. Man darf gespannt sein, was der „hessische Hüne“ als nächstes in der Pipeline hat …
EtwasGenuss wünscht euch
Toto



