La Aurora Family Creed Fuerte Sol Toro im Test: Kein Daily, aber verdammt gute Gesellschaft

La Aurora Family Creed Fuerte Sol Toro im Test: Kein Daily, aber verdammt gute Gesellschaft

Die La Aurora Family Creed Fuerte Sol Toro gehört zu der Kategorie Zigarre, die direkt mal eine Ansage macht: Box-pressed, also leicht kantig statt klassisch rund, liegt sie mit ihrem stattlichen Ringmaß von 54 und einer Länge von knapp 14,6 Zentimetern ziemlich selbstbewusst in der Hand. Damit stellt sie sich nicht höflich vor, sondern sucht sich direkt einen Platz an der Bankett-Tafel.

Hinter der Fuerte Sol steht La Aurora, die älteste Zigarrenmanufaktur der Dominikanischen Republik. Seit 1903 wird dort Tabak verarbeitet, und bei der Family Creed-Serie soll diese lange Familientradition mit einem zeitgemäßen Blend verbunden werden. Der Name Fuerte Sol, also etwa „starke Sonne“, ist dabei ziemlich passend gewählt. Hier wird nicht mit einem zarten Sonnenstrahl gearbeitet, der sich morgens vorsichtig durch die Gardine tastet. Diese Sonne steht schon etwas höher und hat offenbar beschlossen, den Thermostaten auf Anschlag zu drehen.

La Aurora selbst positioniert die Fuerte Sol als etwas Besonderes innerhalb des eigenen Portfolios und betont, dass sie geschmacklich einen anderen Weg einschlägt als andere Zigarren der Manufaktur. Das würde ich allerdings nur mit einer gewissen Einschränkung unterschreiben. La Aurora hat inzwischen ein derart breites Sortiment, dass es ohnehin schwierig sein dürfte, noch ein komplett unbetretenes aromatisches Terrain zu finden. Interessant ist vielmehr, wie stimmig die verschiedenen Tabake hier miteinander verheiratet wurden.

Internationale Zigarre mit aromareichem Innenleben

Und da kommt eine kleine persönliche Überraschung ins Spiel: Das Deckblatt stammt aus Mexiko, genauer gesagt aus der San-Andrés-Region.  Das ölige, dunkle Deckblatt bringt Würze, Erdigkeit und eine gewisse dunkle Süße mit, ohne den Blend gleich komplett zu dominieren. Kombiniert wird es mit einer einzigartigen Mischung aus Tabaken aus USA/Pennsylvania, Nicaragua und aus der Dominikanischen Republik. Sie liefern offenbar genau den zusätzlichen Tiefgang, den diese Mischung benötigt. Heraus kommt eine Zigarre, die sich aromatisch keineswegs mit einem einzigen Thema zufriedengibt.

Schon der Start ist bemerkenswert abwechslungsreich. Die Family Creed legt nicht einfach einen Geschmack auf den Tisch und sagt: „Das war’s.“ Stattdessen verändert sich das Profil von Beginn an. Holz steht bei mir deutlich im Vordergrund. Dabei geht es weniger um den freundlichen Eindruck eines frisch gesägten Möbelstücks als um kräftige, trockene Holzaromen, die dem Rauch Struktur geben. Zedernholz ist durchaus erkennbar, dazu gesellen sich erdige und röstige Nuancen.

Von der häufig genannten Pfeffrigkeit bleibt bei mir dagegen eher weniger übrig. Ein leichter pfeffriger Akzent ist vorhanden, aber wer hier den großen schwarzen Pfefferstreuer erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Die Würze ist vielmehr Bestandteil des Gesamtbildes. Sie drängt sich nicht aggressiv nach vorne, sondern arbeitet im Hintergrund und sorgt dafür, dass die Zigarre nicht langweilig wird.

Im weiteren Verlauf wird das Ganze intensiver. Kakaoartige Anklänge kommen hinzu, dazu geröstete Noten und eine dezente natürliche Süße. Ich würde hier allerdings nicht mit einem Süßwarenladen anfangen. Es handelt sich eher um eine dunkle, zurückhaltende Süße, die den kräftigen Tabakcharakter abrundet. Das Ergebnis erinnert weniger an Schokolade aus der Bonboniere als an Kakao, der sich mit geröstetem Holz und einem Hauch von Nuss zum Gespräch zusammensetzt.

Intensiv aber nicht überfordernd

Bemerkenswert ist dabei die Entwicklung. Die Family Creed startet bereits variantenreich, legt dann aber kontinuierlich nach. Sie wird nicht einfach nur stärker, sondern gewinnt an Intensität und Dichte. Genau das macht sie interessant. Eine Zigarre, die nach zehn Minuten bereits sämtliche aromatischen Karten auf den Tisch gelegt hat, kann durchaus unterhaltsam sein. Nach einer halben Stunde weiß man allerdings, wie die Geschichte ausgeht. Die neue La Aurora lässt sich dagegen etwas Zeit.

Handwerklich gibt es ebenfalls wenig Anlass zur Kritik. Die Verarbeitung meiner Toro ist sehr sauber, das Deckblatt macht einen tadellosen Eindruck und auch die box-gepresste Form ist ordentlich umgesetzt. Besonders positiv fällt der Zugwiderstand auf. Er ist genau dort, wo ich ihn haben möchte: angenehm definiert, ohne dass man beim Ziehen das Gefühl bekommt, an einem verstopften Strohhalm zu saugen. Auch beim Abbrand zeigt sich die Fuerte Sol erfreulich pflegeleicht. Sie brennt sauber und benötigt nur wenig Korrektur. Man kann sich also tatsächlich mit dem beschäftigen, was eine Zigarre eigentlich leisten soll: rauchen.

Und dann ist da natürlich die Frage nach der Stärke. La Aurora ordnet die Fuerte Sol im mittleren bis kräftigeren Bereich ein. Das halte ich für durchaus nachvollziehbar. Sie ist definitiv keine Zigarre für jemanden, der gerade erst entdeckt hat, dass Tabak auch Geschmack haben kann. Gleichzeitig ist sie aber weit davon entfernt, den Raucher nach drei Zügen auf den Boden des Humidors zu schicken, damit dieser dort über seine Lebensentscheidungen nachdenkt.

Ihre Stärke würde ich als Aromenintensität auslegen wollen. Sie ist Sol ist hocharomatisch und intensiv, ohne dabei unangenehm aggressiv zu werden. Genau diese Kombination macht sie spannend. Sie fordert Aufmerksamkeit, verlangt aber keine heldenhaften Opfer. Wer allerdings einen entspannten Daily Smoke für nebenbei sucht, dürfte mit ihr nicht unbedingt glücklich werden. Dafür passiert im Rauch schlicht zu viel.

Und dann wären wir beim Preis. Mit 19,20 Euro ist die Toro kein Schnäppchen. Das ist eine Ansage, die man nicht wegdiskutieren muss. Andererseits bekommt man dafür tatsächlich eine vollmundige, gut verarbeitete und aromatisch anspruchsvolle Zigarre. Die Frage lautet deshalb weniger, ob sie 19,20 Euro kostet, sondern ob sie einem diesen Preis wert ist. Für den täglichen Feierabendrauch würde ich persönlich vermutlich eher nach einer günstigeren Begleitung suchen. Für einen besonderen Abend, an dem man nicht nebenbei noch die Steuererklärung sortieren oder den Rasen mähen möchte, sieht die Sache schon anders aus.

Zusammengefasst …

Die La Aurora Family Creed Fuerte Sol Toro ist für mich deshalb eine Zigarre für den bewussten Genuss. Sie profitiert davon, wenn man ihr etwas Aufmerksamkeit schenkt. Ein gutes Getränk daneben, ein bequemer Platz und ein bisschen Zeit sind deutlich sinnvoller als hektisches Nebenbeirauchen. Wer sie lediglich zwischen zwei Terminen konsumiert, wird vermutlich einen Teil dessen verpassen, was diese Toro ausmacht.

Die San-Andrés-Komponente  des Deckblattes funktioniert in diesem Blend erstaunlich gut. Sie bringt Charakter und Würze, ohne die anderen Tabake plattzumachen. Zusammen mit dem nicaraguanischen Umblatt und der internationalen Einlage entsteht eine kräftige, holzbetonte und zunehmend komplexe Zigarre, die sich im Rauchverlauf weiterentwickelt.

Unterm Strich überzeugt sie mich vor allem durch ihre Kombination aus sauberer Verarbeitung, hervorragendem Zug, stabilem Abbrand und einem intensiven, abwechslungsreichen Aromenspiel. Holz gibt den Ton an, dazu kommen Erde, Kakao, Röstnoten, Nuss und eine dezente Süße. Pfeffer bleibt bei meiner Toro eher Nebendarsteller. Die Stärke steigt im Verlauf spürbar an, ohne dass die Zigarre ihre Balance verliert. Für mich ist sie damit keine Daily, sondern eine Zigarre für besondere Momente. Und manchmal ist genau das die bessere Kategorie. Denn eine Zigarre muss nicht jeden Tag verfügbar sein. Sie muss nur dann etwas zu erzählen haben, wenn man sich die Zeit nimmt, zuzuhören.

EtwasGenuss wünscht euch
Toto


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