Die Matilde Para José Seijas Toro macht schon beim ersten Zug deutlich, dass sie mit Süße nicht geizt. Nuss, Schokolade, Zedernholz und eine dezente Melassenote stehen auf dem Programm, und zwar nicht irgendwo im Kleingedruckten, sondern ziemlich weit vorne. Wer seine Zigarren gerne staubtrocken, pfeffrig und mit der Geschmeidigkeit eines Stücks Eichenholz genießt, kann an dieser Stelle getrost scrollen. Hier wird es cremig.
Dabei steckt hinter dieser Toro mehr als nur ein weiterer gut gefüllter „Tabakstumpen“ aus der Dominikanischen Republik. Denn interessant ist die Geschichte hinter der Zigarre: José Seijas war eine der prägenden Figuren der dominikanischen Zigarrenindustrie. Jahrzehntelang arbeitete er bei Tabacalera de García und war dort maßgeblich daran beteiligt, aus einem Betrieb mit stark maschinell geprägter Produktion eine der bedeutendsten Manufakturen für handgefertigte Longfiller zu machen. Wer in der internationalen Zigarrenwelt unterwegs ist, dürfte über einige der Marken gestolpert sein, an deren dominikanischen Ausprägungen Seijas beteiligt war. VegaFina und Santa Damiana gehören unter anderem dazu.
2012 ging Seijas eigentlich in den Ruhestand. Eigentlich. Denn wer sein Leben lang Zigarren gemacht hat, kommt offenbar nur schwer davon los. Kurz darauf entstand seine eigene Marke Matilde. Im November 2024 starb José Seijas allerdings im Alter von 74 Jahren. Sein Sohn Enrique widmete ihm daraufhin diese Zigarre, die er eigentlich schon zu Lebzeiten seines Vaters entwickeln wollte. Die Para José Seijas ist damit nicht einfach eine weitere Matilde im Humidor, sondern eine ziemlich persönliche Angelegenheit. Und sie hat noch einen zweiten Aspekt: Ein Teil der Erlöse geht an eine dominikanische Parkinson-Stiftung. Das ist eine Geschichte, bei der man sich beim Anzünden ausnahmsweise einmal nicht nur Gedanken darüber macht, ob der Tabak einem selbst schmecken wird.
Der erste Eindruck
Äußerlich gibt sich die Toro zunächst eher seriös. Kein Zirkus, kein Ringmaß, das nach Pumping Iron aussieht, und auch keine übertriebene Inszenierung. 6 x 52 lautet die nüchterne Formel. Das Deckblatt stammt aus Ecuador, Einlage und Umblatt aus der Dominikanischen Republik. Beim ersten Kontakt mit der Nase zeigt sich die Zigarre erstaunlich bodenständig. Holz ist das dominierende Thema, begleitet von dezenten Nussanklängen. Kein Parfümladen im Humidor, kein Gewürzbasar und auch keine dramatische Duftorgie. Einfach Holz und Nuss. Das kann man langweilig finden. Ich finde es zunächst einmal sympathisch.
Der Kaltzug legt dann schon etwas mehr auf den Tisch. Zedernholz ist deutlich zu erkennen, dazu eine minimale Erdigkeit und eine süßliche Komponente. Man bekommt also einen kleinen Vorgeschmack darauf, was später passieren wird. Und ja, „süß“ ist hier ein wichtiges Stichwort. Die Matilde Para José Seijas wird dieses Thema nämlich nicht mehr vollständig aus der Hand geben.
Anschnitt und Anzünden funktionieren problemlos. Das ist nicht unwichtig, denn eine Zigarre kann noch so großartig aussehen: Wenn man beim Anzünden zunächst einen kleinen technischen Staatsakt durchführen muss, sinkt die Laune. Hier gibt es keinen Grund zur Beschwerde. Und dann kommt der erste Zug …
Nuss. Schokolade. Ein Hauch Erde. Dazu sehr präsentes Zedernholz und eine dezente Melassesüße. Der Zug ist mit rund 45 Prozent etwas zu offen für meinen Geschmack, die Rauchentwicklung allerdings großzügig. Die Zigarre liefert. Die ersten Züge haben bei mir tatsächlich dafür gesorgt, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief. Das klingt in einer Zigarrenrezension natürlich gefährlich nach Werbetext. Ist aber so. Diese Kombination aus Nuss, Schokolade, Holz und Süße funktioniert ausgesprochen gut. Die Matilde macht vom Start weg klar, dass sie nicht gekommen ist, um einen auf Askese zu machen.
Das erste Drittel: Süßholzraspelei
Aromatisch macht die Zigarre zunächst vieles richtig. Die Holznoten geben Struktur, die Nuss bringt Substanz, die Schokolade sorgt für die angenehme Rundung. Dazu kommt diese leichte, fast sirupartige Süße. Weder klebrig noch künstlich, aber doch deutlich vorhanden. Im ersten Drittel dann eine andere Seite der Matilde. Sie beginnt leicht schief zu brennen. Korrigiert. Zack, geht weiter! Gott sei Dank hat die Zigarre keinen persönlichen Konflikt mit der Geometrie ausgetragen.
Das Ganze bleibt beherrschbar. Und eine Zigarre in dieser Preisklasse sollte auch nicht unbedingt den Eindruck erwecken, sie brauche während des Rauchens einen eigenen technischen Betreuer. Der Zugwiderstand variiert allerdings ebenfalls zwischendurch. Mal läuft sie angenehm offen, dann fast zu offen.
Aromatisch bleibt sie dagegen stabil. Und das ist wichtig. Denn geschmacklich hat die Matilde zu diesem Zeitpunkt bereits einiges zu bieten.
Das zweite Drittel: Milchkaffee statt Holzlager
Im zweiten Drittel verändert sich das Bild. Das Zedernholz tritt ein Stück zurück und macht Platz für Schokolade, süßen Kakao, Nuss und Milchkaffee. Das ist der Moment, in dem die Zigarre ihren eigentlichen Charme entfaltet. Die Aromatik wird cremiger und runder. Der Kaffee ist nicht der schwarze, bittere Espresso, der einen morgens nach einer kurzen Nacht wieder ins Leben zurückprügelt. Eher Milchkaffee an einem Sonntagnachmittag. Dazu Schokolade und Kakao. Und natürlich Nuss.
Wer jetzt denkt, die Süße müsse irgendwann doch einmal nachlassen, wird enttäuscht. Sie bleibt. Konsequent. Beharrlich. Fast schon mit der Ausdauer des Onkels, der auf einer Familienfeier noch die späte Stunde abwartet, um endlich seine anzüglichen Witze loszuwerden. Und genau hier scheiden sich vermutlich die Geister.
Ich mag Süße in Zigarren durchaus. Sie kann Aromen miteinander verbinden und einem Blend eine angenehme Geschmeidigkeit geben. Bei der Matilde Para José Seijas ist sie allerdings so präsent, dass sie irgendwann ein wenig „drüber“ sein kann. Das ist kein Fehler im eigentlichen Sinne. Es ist eher eine Frage des persönlichen Geschmacks. Wer kräftig geröstete, trockene, pfeffrige Zigarren bevorzugt, wird hier vermutlich nach wenigen Zügen den Eindruck gewinnen, versehentlich in eine Konditorei geraten zu sein.
Ich hingegen kann damit leben. Zumindest an diesem Tag.
Konstruktiv bleibt die Toro allerdings eine kleine Herausforderung. Im zweiten Drittel entsteht bei mir sogar der Verdacht auf einen Tunnelbrand. Die Zigarre brennt nicht so sauber, wie man es sich wünscht und entwickelt kaum Zug. Zum Glück lässt sich das Problem zu Beginn des letzten Drittels durch stures Weiterrauchen überwinden. Und plötzlich läuft sie!
Das dritte Drittel: Mehr Kaffee, weniger Kakao
Im dritten Drittel wird die Matilde spürbar intensiver. Der Geschmack verändert sich, ohne dass der Blend seine grundsätzliche DNA verliert. Die Schokolade zieht sich etwas zurück. Dafür kommt der Kaffee stärker nach vorne. Die Nuss bleibt ausgesprochen präsent und bildet gemeinsam mit den toastigen Noten das aromatische Rückgrat. Das ist jetzt weniger Dessert und mehr Frühstück nach einer durchwachten Nacht.
Der Rauch wirkt kräftiger, die Zigarre gewinnt an Druck und entwickelt mehr Tiefe. Gleichzeitig bleibt das Profil erstaunlich abwechslungsreich. Das ist eine der großen Stärken dieser Toro: Sie kann etwas und langweilt zu keiner Zeit. Und sie schafft es trotz ihrer ausgeprägten Süße, immer wieder neue Nuancen anzubieten. Gegen Ende kommt dann sogar eine leichte Bitternote hinzu. Allerdings bleibt sie auf der richtigen Seite der Grenze. Die Zigarre kippt nicht ins unangenehm Herbe und wird auch nicht plötzlich zu einem Aschenbecher mit Brandbeschleuniger. Im Gegenteil: Das letzte Stück macht durchaus Spaß. Man sollte nur langsam rauchen. Die Intensität hat zugenommen und die Zigarre zeigt jetzt, dass sie nicht ausschließlich als süßer Schmeichler unterwegs ist.
Eine Zigarre für die richtige Laune
Die Matilde Para José Seijas Toro ist eine interessante Zigarre. Nicht perfekt, aber interessant. Ihre größte Stärke liegt zweifellos in der Aromatik. Nuss, Schokolade, Kakao, Kaffee, Zedernholz, Toast und eine durchgehend erkennbare Süße sorgen für einen abwechslungsreichen Rauchverlauf. Besonders die Entwicklung vom holzig-nussigen Beginn über Milchkaffee und Kakao bis hin zu stärkerem Kaffee und toastigen Noten gefällt mir. Auch die Balance stimmt grundsätzlich. Die Zigarre wird intensiver, ohne ihre aromatische Orientierung zu verlieren.
Die zarte Achillesferse ist vielleicht ein wenig die Konstruktion. Der angedeutete Schiefbrand, der wechselnde Zugwiderstand und der zwischenzeitliche Verdacht auf Tunnelbrand sind bei einem Preis von 15,80 Euro zumindest diskutabel. Eine Zigarre darf Charakter haben. Sie muss deswegen aber nicht unbedingt versuchen, gleichzeitig ihre eigene Brennkurve neu zu erfinden.
Und dann ist da noch die Süße. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie für manche Aficionados genau das Highlight dieser Zigarre sein wird. Für andere dürfte sie irgendwann zu viel des Guten sein. Bei mir hängt es tatsächlich von der Tagesform ab.
Ich fand die Matilde Para José Seijas gut. Ehrlich jetzt. Aber ich würde sie nicht einfach gedankenlos aus dem Humidor ziehen, nur weil gerade eine Toro auf ihren Einsatz wartet. Dafür ist ihr Charakter zu eindringlich. Wenn ich Lust auf eine süße, cremige und aromatisch abwechslungsreiche Zigarre habe, würde ich sie jederzeit wieder anzünden. Wenn mir dagegen der Sinn nach trockenen Holznoten, Pfeffer, Erde und einer ordentlichen Portion Nikotin steht, würde ich vermutlich zu einer anderen Kandidatin greifen.
Vielleicht ist das am Ende sogar eine ziemlich passende Hommage an José Seijas: keine langweilige, glattgebügelte Zigarre, sondern eine mit Ecken, Kanten und reichlich eigenem Charakter. Und wer weiß: Vielleicht hätte der Mann, der sein Leben lang Zigarren hergestellt und entwickelt hat, bei dem gelegentlichen Schiefbrand und dem offenen Zug einfach nur trocken gelächelt und gesagt: „Rauch weiter. Das wird schon.“Bei mir wäre er jedenfalls auf offene Ohren gestoßen.
Etwas Genuss wünscht euch
Toto



