Wer sich regelmäßig durch die Welt der Premiumzigarren raucht, entwickelt mit der Zeit gewisse Erwartungen. Braune Deckblätter in allen erdenklichen Schattierungen gehören zum gewohnten Bild, ebenso die üblichen Geschmacksbeschreibungen von Leder, Erde, Kakao oder Espresso. Und dann liegt plötzlich eine Zigarre vor einem, die dieses vertraute Bild komplett auf den Kopf stellt. Die Stauffenberg Cigars Edition 4 „Green“ Pyramid ist genau so eine „Erscheinung“.
Noch bevor das Feuerzeug zum Einsatz kommt, sorgt sie für hochgezogene Augenbrauen. Verantwortlich dafür ist das ungewöhnliche Candela-Deckblatt, für das sich „OBer-Stauffenberger“ Maik Neubauer bei der mittlerweile vierten Edition entschieden hat. Ein Schritt, der durchaus Mut verlangt, denn Candela-Zigarren haben das Zeug zu polarisieren. Manche Aficionados verbinden damit Erinnerungen an längst vergangene Zeiten in den 1940er-Jahren, andere haben noch nie eine solche Zigarre geraucht. Gerade deshalb ist diese Edition weit mehr als nur eine weitere limitierte Auflage. Sie lädt ein, den eigenen Horizont einmal bewusst zu erweitern.
Candela gehört zu den seltensten Deckblattvarianten auf dem Markt, ab und an findet man sie in Kombination mit anderen Tabaken als Barber-Pole-Zigarren im Regal der Fachhändler. Zu erkennen sind sie an den spiralförmigen Streifenmustern. Seine grünliche Farbe entsteht nicht etwa durch eine besondere Tabaksorte, sondern durch die Verarbeitung nach der Ernte. Während klassische Deckblätter fermentieren und dadurch ihre braunen Farbtöne entwickeln, werden Candela-Deckblätter unter erhöhter Temperatur besonders schnell getrocknet. Das Chlorophyll bleibt in den Blättern eingeschlossen und sorgt für die charakteristische grüne Optik. Gleichzeitig verändert sich auch das Aromaprofil. Candela-Zigarren gelten traditionell als mild, frisch und häufig von grasigen oder floralen Noten geprägt. Viele Hersteller wagen sich heute kaum noch an diese Deckblattart. Umso spannender ist es, dass Stauffenberg Cigars genau diesen Weg eingeschlagen hat. Schließlich verlangt ein solches Deckblatt nach einer Einlage, die seine Eigenheiten nicht überdeckt, sondern aromatisch unterstützt.
Bereits die Optik macht deutlich, dass hier sorgfältig gearbeitet wurde. Das blassgrüne Deckblatt weist feine Blattadern auf. Es erscheint sauber verarbeitet, allerdings fällt beim Ertasten des Zigarrenkörpers auf, dass ordentlich Tabak verarbeitet wurde. Die Pyramid wirkt straff gerollt, besitzt eine angenehme Festigkeit und vermittelt den Eindruck einer hochwertigen Handarbeit. Es scheint so, als würde dieses Exemplar ordentlich Substanz mitbringen.
Stauffenberg goes Candela
Schon der Kaltgeruch macht neugierig. Statt der sonst häufig anzutreffenden Schokolade, Erde oder Stallnoten steigt einem sofort eine Portion frische Wiese in die Nase. Dazu gesellt sich trockenes Stroh, begleitet von einer natürlichen Frische, die man eher mit einem Sommertag auf dem Land als mit einer Zigarre verbindet. Genau diese ungewöhnliche olfaktorische Erfahrung macht bereits vor dem ersten Zug Lust auf mehr.
Noch spannender präsentiert sich der Kaltzug. Hier zeigen sich zusätzlich leichte, sehr feine Kräuternoten zu dem grasigen Eindruck. Hinzu kommt eine angenehm herbe Komponente, die der Zigarre bereits vor dem Anzünden Charakter verleiht. Und dennoch wirkt sie keineswegs unausgewogen oder zu grün, sondern präsentiert sich bereits an dieser Stelle überraschend harmonisch.
Nach dem Anzünden legt die Green Pyramid einen angenehm zurückhaltenden Start hin. Im Hintergrund meldet sich umgehend sanfter weißer Pfeffer, allerdings eher als feine Würze denn als dominierende Schärfe. Gleichzeitig entfalten sich helle Holznoten, die mich spontan an frisch gesägte Bretter erinnern. Eine leichte Fruchtigkeit begleitet das Ganze und sorgt dafür, dass der Auftakt erstaunlich lebendig wirkt. Besonders interessant ist dabei das Mundgefühl. Die Green Pyramid fühlt sich nicht cremig an, sondern eher trocken. Das klingt zunächst vielleicht nach einem Nachteil, passt aber hervorragend zum frischen Gesamtcharakter dieser Zigarre.
Der Zugwiderstand bewegt sich bei etwa 55 bis 60 Prozent und fällt damit etwas straffer aus, als ich es persönlich bevorzuge. Ob das am klassischen Pyramid-Format liegt oder an der insgesamt recht kompakten Rollung, lässt sich nur vermuten. Wirklich störend ist es nicht, allerdings hatte ich schnell den Eindruck, dass die Zigarre von einem etwas großzügigeren Anschnitt profitieren würde, doch dazu später noch mehr.
Die ersten Züge sorgen für eine kleine Überraschung. Der Rauch kitzelt angenehm den hinteren Gaumenbereich und vermittelt eine erfrischende Lebendigkeit, die ich so nicht erwartet hätte. Zusammen mit der dezenten Fruchtigkeit entsteht ein sehr eigenständiger Ersteindruck, der sich wohltuend von vielen klassischen Blends unterscheidet. Wer bei einer milden Zigarre automatisch Langeweile erwartet, dürfte spätestens hier seine Meinung überdenken.
Die Rauchentwicklung fällt insgesamt eher moderat aus. Es entstehen keine dichten Rauchwolken, wie man sie von manchen nicaraguanischen Kraftpaketen kennt. Dafür wirkt jeder Zug angenehm kontrolliert und sauber. Die Green Pyramid setzt offensichtlich nicht auf Masse, sondern auf Präzision.
Eine Aromenreise der besonderen Art
Im weiteren Verlauf des ersten Drittels entwickelt sich das Aromenspiel kontinuierlich weiter. Neben den bekannten Gras- und unterschwelligen Kräuternoten tauchen plötzlich leicht brotige Nuancen auf. Sie erinnern an gerade aufgebackene helle Baguettekrusten und verleihen der Zigarre eine überraschend angenehme Wärme. Im Hintergrund schimmert eine feine Süße durch, die sich zunächst äußerst zurückhaltend verhält. Genau diese Balance macht das erste Drittel so gelungen. Kein Aroma versucht, die Hauptrolle zu übernehmen. Stattdessen entsteht ein harmonisches und fein miteinander strukturiertes Gesamtbild, das zum langsamen Rauchen einlädt.
Mit zunehmender Rauchdauer gewinnt die Fruchtigkeit an Präsenz. Die beiwohnende Süße bleibt dezent und elegant, ohne irgendwie ins Süßliche oder Marmeladige abzudriften. Gerade diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie vielseitig ein Candela-Deckblatt tatsächlich sein kann. Wer ausschließlich grasige Noten erwartet, wird hier angenehm überrascht.
Lediglich ein leichter Schiefbrand machte sich gegen Ende des ersten Drittels bemerkbar. Mit einer kurzen Korrektur ließ sich das Problem allerdings problemlos beheben. Danach lief der Abbrand wieder sauber weiter und hatte keinen nennenswerten Einfluss auf den weiteren Rauchverlauf.
Sanfte Dessert-Anklänge
Das zweite Drittel ist schließlich der Moment, in dem mich die Green Pyramid endgültig auf ihre Seite zieht. Plötzlich treten wunderbar sanfte Karamellnoten auf. Nicht süß wie ein Dessert, sondern fein dosiert und ausgesprochen elegant. Gleichzeitig zieht sich die Fruchtigkeit etwas zurück und macht Platz für eine dezente Erdigkeit, die der Zigarre zusätzliche Tiefe verleiht. Die Süße nimmt zwar spürbar zu, bleibt aber jederzeit angenehm trocken. Es präsentiert sich eine wunderbar ausgewogene Kombination, die hervorragend mit den immer noch vorhandenen „grünen“ Anklängen harmoniert.
Und ich sage es noch einmal: Diese Zigarre mag keine Hektik! Wer sie in kurzer Zeit „herunterraucht“, wird viele dieser feinen Übergänge vermutlich gar nicht wahrnehmen und ein eindimensionales Urteil über die neue Stauffenberg fällen wollen. Die Green Pyramid belohnt Geduld. Sie verändert sich langsam, aber stetig und genau darin liegt ihr besonderer Reiz. Für mich war dieses zweite Drittel der bislang stärkste Abschnitt der gesamten Zigarre. Die Kombination aus sanftem Karamell, leichter Erde, dezenter Süße und den charakteristischen Candela-Noten besitzt eine bemerkenswerte Eleganz, die man in dieser Form nur selten erlebt.
Mit dem Beginn des letzten Drittels verändert die Green Pyramid ihren Charakter noch einmal spürbar. Die Zigarre legt an Intensität zu, der weiße Pfeffer tritt wieder etwas selbstbewusster auf. Die Würze wird markanter und das Aromenbild wirkt insgesamt konzentrierter. Gleichzeitig verabschieden sich die herrlichen, subtilen Karamellnoten, die das zweite Drittel für mich zu einem echten Höhepunkt gemacht haben. Stattdessen übernehmen nun gegerbtes Leder und eine überraschend feine Note von grünem Tee das Kommando. Gerade Letztere passt beinahe perfekt zum Charakter eines Candela-Deckblatts. Sie bringt eine leicht herbe Frische mit, die sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt und der Zigarre noch einmal eine ganz andere Richtung gibt.
Meckern auf sehr hohem Niveau
Bis zu diesem Punkt hatte ich – ehrlich gesagt – nichts zu kritisieren. Die Verarbeitung war überzeugend, die Aromen entwickelten sich abwechslungsreich und vor allem ausgesprochen stimmig.
Umso bedauerlicher ist es, dass die Green Pyramid ungefähr ab der zweiten Hälfte des letzten Drittels etwas an Glanz verliert. Die Schärfe nimmt merklich zu, hinzu kam eine leicht muffige Note von feuchtem Keller, sodass ich die Zigarre sogar degasieren musste. Das brachte zwar kurzfristig etwas Besserung, konnte den weiteren Verlauf aber nicht vollständig stabilisieren. Sie überlagerte zunehmend die zuvor so klaren und eleganten Aromen. Gerade weil die Green Pyramid bis dahin eine derart schöne Entwicklung hingelegt hatte, fiel dieser Bruch besonders auf. Das Finale konnte mit dem Niveau der ersten beiden Drittel leider nicht mehr ganz mithalten.
Trotzdem wäre es aus meiner Sicht völlig falsch, diese Beobachtung überzubewerten. Zigarren sind Naturprodukte. Jeder, der regelmäßig raucht, den Zug-Rhythmus gegebenenfalls beschleunigt, kennt Exemplare, die im letzten Drittel etwas abbauen oder sich schlicht anders entwickeln als erwartet. Genau deshalb möchte ich mir kein endgültiges Urteil erlauben. Im Gegenteil: Diese Zigarre hat mich bis weit in den Rauchverlauf hinein so positiv überrascht, dass ich sie unbedingt noch einmal rauchen möchte. Erst dann wird sich zeigen, ob das letzte Drittel tatsächlich eine Eigenart des Blends ist, ich einfach zu gierig gezogen habe, oder ob ich schlicht ein Exemplar erwischt habe, das zum Schluss etwas aus der Reihe getanzt ist.
Interessant ist außerdem, wie unterschiedlich die Green Pyramid offenbar wahrgenommen wird. Im Vorfeld hatte ich einige eher zurückhaltende Rezensionen gelesen. Umso größer war meine Überraschung während der eigenen Verkostung. Verarbeitung, Konstruktion und vor allem die aromatische Reise bis zur zweiten Hälfte des letzten Drittels haben mich berührt, nahezu euphorisiert. Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieser Zigarre. Sie möchte vielleicht gar nicht jedem gefallen. Sie richtet sich vielmehr an Raucher, die Lust haben, einmal bewusst aus ihrer Komfortzone herauszutreten und sich auf etwas einzulassen, das nicht dem typischen Geschmacksbild moderner Premiumzigarren entspricht.
Denn genau das macht Candela-Zigarren bis heute so spannend. Die grasigen und kräuterigen Anklänge sind keine Modeerscheinung, sondern das Ergebnis der besonderen Verarbeitung. Dass Maik Neubauer dieses Thema nicht nur aufgreift, sondern konsequent in einer limitierten Edition umsetzt, verdient Anerkennung. Es wäre deutlich einfacher gewesen, einen weiteren Blend mit einem klassischen Colorado- oder Maduro-Deckblatt auf den Markt zu bringen. Stattdessen präsentiert Stauffenberg Cigars eine Zigarre, die auffällt, neugierig macht und Gesprächsstoff liefert. Genau solche Projekte sorgen dafür, dass dieses geliebte Hobby spannend bleibt.
Bemerkenswert ist außerdem, dass sich das Candela-Deckblatt nie in den Vordergrund drängt. Die Green Pyramid schmeckt nicht einfach nur nach Gras. Vielmehr dient diese typische Frische als roter Faden, an dem sich zahlreiche weitere Aromen entlang entwickeln. Kräuter, helles Holz, feine Fruchtigkeit, Brot, Karamell, Erde, grüner Tee und Leder ergeben zusammen ein erstaunlich breites Aromenspektrum. Genau diese Vielfalt hatte ich in dieser Form nicht erwartet.
Mit dem Potential zum „Evergreen“
Auch die Stärke bleibt über weite Strecken angenehm moderat. Die Green Pyramid eignet sich hervorragend für warme Sommerabende, an denen man keine kräftige Nikotinbombe sucht, sondern einen eleganten und entspannten Begleiter. Apropos Sommerabend: Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass die Stauffenberg Edition 4 hervorragend mit einem erfrischenden und leckeren Weizenbier harmoniert. Fast noch spannender erscheint mir allerdings die Kombination mit einem hochwertigen grünen oder leicht oxidierten Oolong-Tee. Die feinen Kräuter- und Teenoten der Zigarre dürften hier besonders schön aufgegriffen werden.
Zum Abschluss noch zwei persönliche Empfehlungen für alle, die sich an die Green Pyramid wagen möchten: Der erste Tipp betrifft den Anschnitt. Ich würde diese Zigarre bewusst etwas großzügiger cutten. Durch den etwas strafferen Zug profitiert sie spürbar von einer größeren Anschnitt. Das Rauchvolumen nimmt zu und gleichzeitig wirkt auch das Aromenspektrum offener und harmonischer. Gerade die feinen Nuancen entfalten sich dadurch aus meiner Sicht deutlich besser.
Mein zweiter Gedanke betrifft das Format. Die klassische Pyramid steht der Edition 4 zwar durchaus gut, trotzdem habe ich während der Verkostung mehrfach darüber nachgedacht, wie sich dieser Blend wohl als Robusto oder sogar als Toro präsentieren würde. Beide Formate könnten dem Blend möglicherweise noch etwas mehr Raum geben, seine Stärken auszuspielen. Vor allem die Entwicklung im zweiten Drittel hätte ich gerne noch etwas länger genossen.
Mein Fazit fällt trotz der kleinen Schwäche auf den letzten Zentimetern ausgesprochen positiv aus. Die Stauffenberg Cigars Edition 4 „Green“ Pyramid ist sicherlich keine Zigarre für jeden Geschmack. Sie lebt von ihrer Andersartigkeit, ihrer Eleganz und einer Aromatik, die sich bewusst von der Masse absetzt. Wer offen für neue Geschmackserlebnisse ist und Candela-Zigarren bislang höchstens vom Hörensagen kennt, bekommt hier einen ausgesprochen gelungenen Einstieg in diese seltene Deckblattwelt.
Die Green Pyramid hat mich deutlich mehr begeistert als erwartet. Sowohl im Vergleich zu meinen eigenen Erwartungen als auch im Vergleich zum bisherigen Echo einiger Review-Kollegen und „Brothers in Smoke“, die sie bereits rauchen durften. Bis weit ins letzte Drittel hinein liefert sie eine abwechslungsreiche, fein abgestimmte und ungewöhnlich elegante Aromenreise ab. Dass sie zum Schluss etwas nachlässt, schmälert den insgesamt sehr positiven Eindruck nur bedingt. Vielmehr sorgt es dafür, dass ich ihr unbedingt eine zweite Chance geben möchte. Der Preis von 16,50 Euro ist mir etwas zu ambitioniert, bis zu zwei Euro weniger hätten der Stauffenberg Edition 4 meines Erachtens gut zu Gesicht gestanden.
Wenn sich das Finale beim nächsten Exemplar stabiler präsentiert, hat Stauffenberg Cigars hier einen echten Sommerklassiker geschaffen. Und genau deshalb hat sie für mich das Potenzial, tatsächlich zu einem Evergreen im Humidor zu werden.
Vielen Dank an Maik Neubauer von Stauffenberg Cigars für das Verkostungs-Exemplar.
EtwasGenuss wünscht euch euer
Toto



