Ich habe es schon oft erwähnt: Wenn der liebe Gott mir nur noch eine Zigarrenmarke bis zu meinem Lebensende gewähren würde, dann würde ich Plasencia wählen. Plasencia ist für mich kein Hersteller unter vielen, sondern das Synonym für die perfekte Zigarre. Und genau in dieses persönliche Glaubensbekenntnis passt die Alma del Cielo Boreal wie eine dieser seltenen Erfahrungen, bei denen man schon nach wenigen Zügen klar wird, dass die Zigarre nicht nur Genuss, sondern auch Anspruch ist.
Zwischen Realität und Himmel
Das Szenario dazu ist schnell gefunden: ein himmlisches. Denn schon der Name der Serie ist Programm. „Alma del Cielo“, die Seele des Himmels. Plasencia verweist damit auf die Finca San Julián in Condega, Nicaragua, hoch oben gelegen, über einen Kilometer über dem Meer. Ein Ort, an dem Tabak nicht einfach wächst, sondern reift unter Bedingungen, die fast schon poetisch wirken sollen: intensivere Sonneneinstrahlung, kühlere Nächte, langsamere Entwicklung, mehr Tiefe im Blatt. Man kann das Marketing nennen, man kann es aber auch einfach glauben, wenn man die ersten Züge nimmt.
Die Serie ist die vierte im Luxussegment der Familie Plasencia nach Alma del Campo, Alma del Fuego und Alma Fuerte. Und sie wirkt tatsächlich wie eine Weiterentwicklung dieser Idee: nicht intensiver , nicht wilder, sondern kontrollierter, luftiger, fast schwebend. Die Alma del Cielo Boreal ist dabei die Toro im Line-up, mit 54er Ringmaß. Neben Robusto und der markanten Hexágono im 60er-Format ist sie so etwas wie die goldene Mitte, aber eine Mitte mit Gewicht. Alle Formate sind klar auf große Ringmaße ausgelegt, ganz im Sinne des US-amerikanischen Aficionado-Geschmacks, und doch wirkt nichts daran plump. Im Gegenteil: Die Boreal ist ein Stick, der Volumen mit Eleganz verbindet.
Schon optisch fällt sie in diese Kategorie „fast zu schön, um sie anzuschneiden“. Drei Banderolen, ein sehr sauber gearbeitetes Deckblatt, und diese typische Plasencia-Ästhetik, die immer ein bisschen zwischen klassischer Noblesse und moderner Klarheit pendelt. Die Verarbeitung ist, wie so oft bei der Familie, auf einem Niveau, das man nicht mehr kommentieren muss, sondern irgendwann einfach erwartet. Perfekt gerollt, makelloser Zug, und im Abbrand dann genau das, was man sich insgeheim wünscht: ruhig, stabil, verlässlich. Die Asche mittelgrau, fest und standhaft, ohne jede Unruhe. Genau so muss das sein, wenn man sich zurücklehnen will.
Ein himmlisches Genuss-Szenario
Aber nun zu den Aromen und dem Raucherlebnis:
Der Start ist für Plasencia-Verhältnisse fast schon zurückhaltend, aber im besten Sinne. Viel Zedernholz, etwas Erde, klar definierbar, dazu Leder, sehr fein gezeichnet. Im Hintergrund tauchen leichte Grasnoten auf, die dem Auftakt etwas Frisches geben, fast wie ein kurzer Windzug durch ein sehr aufgeräumtes Tabaklager. Eine spannende Aromenstruktur, die zu Beginn noch etwas zurückhaltend wirkt.
Im zweiten Drittel verändert sich das Bild dann erkennbar. Das Holz tritt etwas zurück, als würde es Platz machen für etwas Helleres. Genau hier kommt die Boreal-Interpretation ins Spiel, dieser Verweis auf das Kühle, das Nordlichticht. Eine feine Süße setzt ein, eher subtil als dominant. Nougat ist das naheliegende Stichwort, aber nicht als Dessert, sondern als cremige Textur im Rauch. Dazu eine unterschwellige Honignote, die alles verbindet, ohne jemals klebrig zu werden. Der Rauch selbst ist dabei auffallend cremig und voluminös, fast üppig.
Das Mundgefühl ist in dieser Phase besonders stark. Die Zigarre baut ein erstaunliches Rauchvolumen auf, ohne je zu überfordern. Genau hier zeigt sich die Stärke des Formats: Toro, 54er Ringmaß, viel Raum für Entwicklung, aber nicht so viel, dass sich die Aromen verlieren würden. Auch retronasal macht die Zigarre große Freude.
Im letzten Drittel zieht die Boreal dann wieder etwas an. Holz kehrt zurück, diesmal intensiver, begleitet von eiiner deutlich erkennbaren Erdigkeit. Dazu kommen leichte Toastnoten, die dem Finale etwas Gebackenes geben, etwas Warmes. Und dann dieser kleine, aber entscheidende Akzent: Kardamom und Galgant. Nicht scharf im klassischen Sinne, sondern als würzige, fast vibrierende Nuance im Hintergrund. Das sorgt dafür, dass der Abgang nicht einfach ausläuft, sondern sich in einem eleganten Finale verabschiedet.
Können Zigarren perfekt sein? Sie können!
Was bleibt, ist ein sehr stimmiges Gesamtbild. Eine Zigarre, die sich entwickelt, ohne sich zu verlieren. Mein persönlicher Eindruck lässt sich ziemlich klar zusammenfassen: Toro-Format, also genau diese Art Zigarre, bei der alles passt, wenn man sie in Ruhe lässt. Verarbeitung auf Topniveau, Zugverhalten ohne jede Diskussion, Abbrand stabil und sauber, Asche wie aus dem Lehrbuch. Und geschmacklich eine Reise, die sich von holzig-ledrig über cremig-süß bis hin zu erdig-würzig entwickelt, ohne jemals ihre Linie zu verlieren.
Man könnte sagen, die Alma del Cielo Boreal ist eine Zigarre für ruhige Stunden. Das stimmt. Aber es wäre zu wenig. Sie ist eher eine Erinnerung daran, dass Ruhe auch Komplexität haben kann. Dass Cremigkeit nicht gleich Schwere bedeutet. Und dass ein Rauchverlauf nicht spektakulär sein muss, um tief zu wirken. Wenn Plasencia tatsächlich die Seele des Himmels einfängt, dann ist die Boreal vielleicht genau dieser Moment kurz vor Sonnenaufgang: noch nicht Tag, nicht mehr Nacht, alles ist möglich, und der Rauch trägt zum Stimmungsbild bei.
Und ehrlich gesagt, genau deshalb würde ich bei der eingangs formulierten Vorstellung bleiben. Wenn nur eine Marke bleiben dürfte, dann diese. Nicht weil sie perfekt sein will, sondern weil sie es immer wieder erstaunlich konsequent schafft, es zu sein.
Vielen Dank an VCF für dieses tolle Verkostungs-Exemplar!
EtwasGenuss wünscht euch euer Toto!



