„Gold is tested by fire.“ Ein Satz, der sich auf einer Zigarrenkiste ziemlich gut macht. Noch besser funktioniert er, wenn hinter ihm tatsächlich eine Geschichte steckt. Bei der AJ Fernandez Amar ist das der Fall. Im März 2025 wurde ein Teil der Zigarrenmanufaktur von AJ Fernandez in Estelí durch einen Brand schwer beschädigt. Dann geschah etwas, das in der Zigarrenbranche keineswegs selbstverständlich ist. Kollegen, Mitarbeiter und andere Hersteller unterstützten Fernandez nach dem Unglück, sodass die Produktion vergleichsweise schnell wieder aufgenommen werden konnte. Aus dieser Erfahrung entstand die Amar, eine Hommage an Solidarität, Dankbarkeit und das Weitermachen nach einem ziemlich heftigen Rückschlag. Die Amar-Linie wird San-Lotano-Manufaktur im nicaraguanischen Ocotal hergestellt.
Eine Zigarre mit Geschichte
Auch der Name passt erstaunlich gut zu dieser Geschichte. „Amar“ bedeutet auf Spanisch „lieben“. Im Arabischen steht Amar für „Mond“. Damit verbindet Fernandez zwei kulturelle Bezüge, die auf seine kubanischen und libanesischen Wurzeln verweisen. Der Mond findet sich auch in der Gestaltung wieder. Die Anilla in Lila und Gold greift mit ihrer orientalisch anmutenden Ornamentik und den angedeuteten Mondphasen genau dieses Motiv auf. Sie gehört zweifellos zu den hübscheren Vertretern ihrer Zunft. Man könnte sogar sagen: Die Amar kommt ziemlich geschniegelt daher.
Meine Toro ist mit 6 x 56 ein ordentlich dimensioniertes Exemplar und macht bereits beim ersten Kontakt einen sehr guten Eindruck. Das mittelbraune Deckblatt ist feinadrig, sauber verarbeitet und weist eine schöne, gleichmäßige Oberfläche auf. Die Verarbeitung gefällt mir insgesamt ausgesprochen gut. Dazu kommt die erwähnte Anilla, die mit ihrem Lila-Gold-Kontrast einen kleinen Farbtupfer in die ansonsten eher erdige Erscheinung bringt. Gerade bei einer Zigarre, die eine Geschichte über Feuer und Dankbarkeit erzählen möchte, darf die Optik ruhig etwas mehr können.
Beim Tabak handelt es sich um eine Nicaragua-Puro. Deckblatt, Umblatt und Einlage stammen also aus Nicaragua. Das verwendete Deckblatt ist eine hauseigene Hybridzüchtung. Dahinter steckt eine Kreuzung aus H-Saatgut und mexikanischem San Andrés-Tabak. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Würze und Süße sollen miteinander ins Gespräch gebracht werden, auf dem Papier klingt das nach einer interessanten Ausgangslage.
Beim Anschnitt gibt sich die Amar erfreulich unkompliziert. Das Deckblatt lässt sich sauber öffnen, der Kaltzug passt grundsätzlich zum Format und auch beim Entzünden gibt es keine nennenswerten Schwierigkeiten. Angezündet bin ich beim Zug zunächst allerdings etwas skeptisch. Er ist mir einen Tick zu offen. Ich würde ihn zu Beginn bei ungefähr 45 Prozent auf meiner persönlichen Zugskala einordnen. Im weiteren Verlauf stabilisiert sich das Ganze und landet für mich bei ungefähr 50 Prozent. Damit kann ich gut leben.
Nicaraguanische Aromen, deutsche Linerarität
Aromatisch legt die Amar ziemlich eindeutig los. Pfeffer meldet sich zuerst zu Wort, begleitet von Zedernholz. Kein zögerliches Herantasten, sondern ein durchaus selbstbewusster Beginn. Wer bei AJ Fernandez automatisch mit dem großen Vorschlaghammer rechnet, darf diesen allerdings im Schrank lassen. Die Amar ist keine dieser Zigarren, die schon nach wenigen Zügen versucht, den Raucher über die Nikotinkante zu schubsen. Sie bewegt sich tatsächlich im mittleren Kraftbereich und wirkt dabei angenehm kontrolliert.
Noch im ersten Drittel kommt Erdigkeit hinzu. Damit ist das nicaraguanische Fundament gelegt: Pfeffer, Holz und Erde. Die Mischung wirkt stimmig und durchaus charakteristisch. Allerdings zeigt sich bereits hier eine Eigenschaft, die sich durch meinen gesamten Smoke ziehen wird: Die Amar bleibt ziemlich auf ihrer einmal eingeschlagenen Spur. Sie fährt sauber geradeaus, nur leider stehen am Straßenrand keine sonderlich aufregenden Sehenswürdigkeiten.
Das klingt vielleicht härter, als es gemeint ist. Denn schlecht ist die Zigarre keineswegs. Im Gegenteil. Sie funktioniert ordentlich, produziert reichlich Rauch und liefert einen unkomplizierten, würzigen Smoke. Nur habe ich angesichts der Geschichte, der Gestaltung und des Namens irgendwie mit etwas mehr Bewegung gerechnet. Wenn eine Zigarre Amar heißt, eine Geschichte über Feuer, Liebe, Mond und Wiederaufstehen mitbringt und dazu noch in dieser schicken Lila-Gold-Anilla daherkommt, dann darf man als Raucher durchaus ein wenig neugierig werden.
Im zweiten Drittel verschiebt sich das Aromenspiel ein Stück. Der zunächst recht präsente schwarze Pfeffer tritt etwas zurück. Dafür kommen Toastnoten deutlicher zum Vorschein. Im Hintergrund lassen sich Kaffee und Nuss erahnen. Allerdings sind beide ausgesprochen schüchtern.
Die Würze bleibt weiterhin das bestimmende Element. Genau hier zeigt sich auch der Unterschied zu vielen anderen Kreationen aus dem Hause Fernandez. Wer bei AJ Fernandez auf kräftige, teilweise ziemlich testosterongeladene Tabakmischungen eingestellt ist, bekommt bei der Amar eine deutlich entspanntere Variante geboten. Sie ist mittelkräftig und bleibt das auch. Selbst im weiteren Verlauf steigt die Intensität nicht plötzlich in Regionen, in denen man sich fragt, ob man eigentlich noch raucht oder bereits eine kleine Feuerbestattung organisiert.
Die etwas andere AJ-Zigarre
Was mir allerdings fehlt, ist die typische AJ-Süße, die man am besten mit feinen Melasse-Anklängen definieren kann. Zumindest mein Exemplar möchte davon nicht besonders viel wissen. Die Amar wirkt über weite Strecken eher trocken und etwas spröde. Das ist keineswegs unangenehm, aber eben auch nicht das, was ich unter einem besonders cremigen Rauchgefühl verstehen würde.
Der Übergang ins dritte Drittel erfolgt entsprechend unspektakulär. Die Grundcharakteristik bleibt erhalten, die Würze gibt weiterhin den Ton an und die Toastigkeit hält sich im Hintergrund. Die Zigarre wird nicht plötzlich kantig oder unangenehm. Sie bleibt vielmehr ihrer Linie treu. Fast schon beneidenswert konsequent. Nur ist Konsequenz beim Zigarrenrauchen nicht automatisch dasselbe wie Spannung.
Beim Abbrand zeigt sich die Amar ebenfalls von ihrer brauchbaren Seite. Ganz perfekt läuft es bei meinem Exemplar nicht. Es bilden sich leichte Ansätze von Schiefbrand, die sich allerdings problemlos korrigieren lassen. Für mich kein Grund, nervös zum Feuerzeug zu greifen. Etwas ärgerlicher ist, dass mir die Zigarre im Rauchverlauf einmal komplett ausgeht und nachgefeuert werden muss. Das kann natürlich passieren und ist für mich kein K.-o.-Kriterium, gehört aber eben zur Gesamtbetrachtung dazu.
Die Asche präsentiert sich zunächst mittel- bis hellgrau und macht einen recht stabilen Eindruck. Eine Zeit lang wirkt sie so, als wolle sie beweisen, dass sie das Prinzip Statik verstanden hat. Irgendwann kommt dann allerdings der Moment, in dem sie ihre Meinung ändert und etwas bröseliger wird und von allein fällt.
Je weiter die Toro voranschreitet, desto deutlicher wird für mich die eigentliche Einordnung dieser Zigarre. Die Amar ist kein Kraftpaket. Sie ist auch kein Aromenfeuerwerk. Sie ist ein mittelkräftiger, würziger Nicaragua-Puro-Smoke, der seine Sache ordentlich macht und dabei angenehm zugänglich bleibt. Erde, Zedernholz, Pfeffer und Toast bilden das Gerüst. Dazu kommen kleine Nuancen von Kaffee und Nuss. Die Süße bleibt dagegen weitgehend auf Tauchstation.
Und genau hier liegt für mich die kleine Krux mit der Amar. Meine Erwartungshaltung war durch die Optik und die Geschichte durchaus etwas höher. Eine Zigarre, deren Entstehung unmittelbar mit einem verheerenden Brand, der Unterstützung einer ganzen Branche und einem sehr persönlichen Dankeschön verbunden ist, weckt automatisch Interesse. Dazu der tolle Name und dieses Lila und Gold auf der Anilla. Das alles klingt nach einer Zigarre, die eigentlich aufregender sein sollte.
Beim Rauchen erzählt sie allerdings eher eine kurze Geschichte ohne dramatische Wendung, kein überraschender Nebenplot, kein aromatischer Cliffhanger. Man kann sich auf sie verlassen. Man wird sich nur vermutlich nicht noch Wochen später an jedes Detail der Zigagrre erinnern.
Stabil aber ohne Wow-Moment
Das ist vielleicht sogar die fairste Beschreibung für meinen Smoke: Die Amar ist eine stabile Zigarre. Sie hat keine gravierenden Schwächen, ist ordentlich verarbeitet, angenehm zu rauchen und aromatisch klar im nicaraguanischen Lager verankert. Sie verlangt keine besondere Aufmerksamkeit und verzeiht auch einmal einen etwas weniger konzentrierten Raucher. Wer eine mittelkräftige Nicaragua-Puro mit Würze, Holz, Erde und Toast sucht, macht mit ihr sicher nichts grundsätzlich falsch.
Auch beim Preis muss man etwas genauer hinschauen. Die von mir gerauchte Toro liegt bei 13,40 Euro. Formatbedingt ist das keineswegs absurd, und für eine ordentlich gemachte Premiumzigarre mit interessanter Tabakkomposition geht der Preis grundsätzlich in Ordnung. Ein ausgesprochener Preis-Leistungs-Schnapper ist die Amar für mich allerdings nicht. Dafür fehlt mir am Ende das gewisse Etwas, das den Griff nach genau dieser Zigarre beim nächsten Humidorbesuch besonders verlockend macht.
Vielleicht ist das auch das eigentliche Paradoxon dieser Zigarre. Ihre Geschichte ist spannender als ihr Rauchverlauf. Unter dem Strich bleibt damit eine ordentlich verarbeitete, mittelkräftige Nicaragua-Puro mit einem klaren Profil, angenehmem Rauchvolumen und einem unkomplizierten Zug, der sich nach einem etwas zu offenen Start einpendelt. Die AJ Fernandez Amar ist damit für mich eine gute, aber keine herausragende Zigarre. Sie hat Charakter, aber kein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal. Sie ist gefällig, aber nicht spektakulär. Und sie trägt eine Geschichte mit sich, die deutlich mehr Eindruck hinterlässt als mancher Zug an der Zigarre selbst.
Vielleicht passt das am Ende sogar ganz gut zum Gedanken hinter „Gold is tested by fire“. Die Amar hat das Feuer überstanden. Im Humidor darf sie deshalb gerne ihren Platz behalten. Für einen Stammplatz in meiner persönlichen Startelf müsste sie allerdings noch ein bisschen mehr zeigen als eine hübsche Anilla, eine interessante Geschichte und solide nicaraguanische Würze.
EtwasGenuss wünscht euch euer
Toto



