Dalay Oase oder die Weisheit des Esels

Dalay Oase oder die Weisheit des Esels

Es heißt, Nasreddin Hodscha sei einst verkehrt herum auf seinem Esel geritten. Die Dorfbewohner lachten über ihn und fragten, ob er denn nicht wisse, wie man auf einem Esel sitzt. „Ich sitze nicht falsch“, soll der Hodscha geantwortet haben. „Ihr schaut nur aus der falschen Richtung.“

Wer sich mit den Geschichten des legendären Schelms beschäftigt, merkt schnell: Die Wahrheit kommt selten mit erhobenem Zeigefinger daher. Sie versteckt sich zwischen Humor und Tiefsinn, zwischen einem Augenzwinkern und einem Moment des Nachdenkens und oft erkennt man ihre Bedeutung erst Jahre später.

Die Dalay Oase trägt genau diesen Geist in sich, ohne dass die Erkenntnis lange auf sich warten lässt: Denn sie ist weit mehr als eine kleine Zigarre – laut Salih Dalay ein „In-Between“-Format zwischen Half Corona und Short Robusto – für zwischendurch. Sie ist eine Erinnerung an und eine Verneigung vor einem Vater. Ein Stück Kindheit. Und vielleicht auch eine Einladung, die Blickrichtung zu ändern.

Denn wann haben wir eigentlich beschlossen, dass Genuss immer groß, lang und spektakulär sein muss? Während die Welt hektischer wird und selbst die Mittagspause mittlerweile durchgetaktet scheint, entstand bei Salih Dalay und Michael Grossklos die Idee einer kleinen Zuflucht. Einer Oase, in der für einen Moment keine E-Mails beantwortet, keine Nachrichten gelesen und keine To-do-Listen abgearbeitet werden müssen. Einfach nur sitzen. Rauchen. Ankommen.

Sieben Jahre dauerte es, bis diese Idee die Form fand, die sie heute hat. Für Salih Dalay war das Projekt dabei weit persönlicher als viele andere Marken. Sein Vater, ein Gastarbeiter der ersten Generation, war 1968 mit seiner Familie von Istanbul nach Deutschland gekommen. Nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern weil er seinen beiden Söhnen die bestmögliche Ausbildung ermöglichen wollte. Und wie in vielen Familien mit Migrationsgeschichte wurde die Kultur der alten Heimat am Leben gehalten. Bei den Dalays geschah das vor allem am Esstisch.

Dort erzählte der Vater immer wieder Geschichten von Nasreddin Hodscha. Geschichten, die der junge Salih vermutlich mit ähnlicher Begeisterung hörte, wie Kinder heute die immer gleichen Familienanekdoten. „Mensch, die Geschichte erzählst du aber auch nicht zum ersten Mal.“ Was würde man nicht dafür geben, sie heute noch einmal zu hören.

Als die Idee zur Oase entstand, kehrten diese Erinnerungen zurück. Das Motiv des Hodschas auf seinem Esel, inspiriert von einem Kunstwerk aus dem Großen Basar in Istanbul, wurde zur Vorlage für das heutige Zigarrenring-Design. Designer Peter Voth verlieh ihm seine endgültige Gestalt. So gelungen, dass Salih das Motiv sogar als Tattoo verewigte.

Und weil man bekanntlich mit leichtem Gepäck besser reist, kommen die Zigarren nicht in pompösen Kisten daher, sondern in charmanten Fünfer-Bundles aus Papier. In jedem Bundle wartet zusätzlich eine Geschichte des Hodschas auf ihren Leser. Ist das nicht süß?

Auch der Blend wurde nicht dem Zufall überlassen. Michael Grossklos entwickelte die Oase in der hauseigenen Manufaktur Zauberberg in der Dominikanischen Republik. Ein dunkel selektiertes Ecuador-Deckblatt trifft auf eine Einlage aus drei verschiedenen dominikanischen Tabaken. Was einfach klingt, entwickelte sich offenbar zu einer Geduldsprobe. Salih wusste sehr genau, wie seine Oase schmecken sollte. Immer wieder glaubte Michael, am Ziel angekommen zu sein. Immer wieder hieß es: noch nicht. Keine andere Zigarre habe ihn derart an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht. Das Ergebnis indes zeigt, dass Beharrlichkeit manchmal doch die bessere Tugend ist.

Und wie schmeckt sie nun?

Zündet man die Dalay Oase an, überrascht sie zunächst mit einem Auftritt, den man in dieser Form vielleicht nicht erwartet hätte. Der Einstieg ist würziger als vermutet. Fast wirkt es, als wolle der Hodscha zunächst prüfen, ob sein Gegenüber aufmerksam genug ist. Zu der Würze gesellen sich rasch Aromen von Lebkuchen. Eine fein dosierte Würze, die an Zimt, Muskat und Nelke erinnern. Sorry Salih, vermutlich liege ich komplett falsch. Aber ich meine auch eine feine Süßholz-Note registriert zu haben.

Auftakt mit Charakter.

Im zweiten Drittel verändert die Oase ihren Tonfall etwas: Sanfte Schokocreme schiebt sich in den Vordergrund und verleiht dem Rauchbild eine cremige, beinahe seidige Textur. Kurz darauf kehrt wieder eine erdige Würze zurück und sorgt dafür, dass die Zigarre nie ins KLebrige abrutscht. Innehalten ist angesagt … und genießen! Irgendetwas kommt mir bekannt vor. Da ist eine aromatische Erinnerung, die mich unweigerlich an eine fantastische Zigarre aus dem Hause Arturo Fuente denken ließ. Ich grübelte während des gesamten Rauchverlaufs darüber nach, welche es gewesen sein könnte. Um es kurz zu machen: Ich bin bis heute nicht darauf gekommen! Vielleicht hätte Nasreddin Hodscha darüber nur gelächelt und gesagt: „Nicht jede Antwort muss sofort gefunden werden, denn Fragen schmecken besser.“

Im letzten Drittel zeigt die Oase schließlich ihre ganze Stärke. Die Schokocreme wird intensiver und dichter. Eine feine Melasse-Süße gesellt sich hinzu. Die bereits zuvor angedeuteten Honignoten gewinnen deutlich an Präsenz, ohne jemals klebrig oder überzeichnet zu wirken.Darunter bleibt die würzige Basis konstant erhalten und sorgt für Balance.

Kleines Format mit großen Aha-Momenten

Genau hierin liegt die große Qualität dieser kleinen Zigarre. Sie bleibt charaktervoll, wirkt aber niemals eindimensional. Ein vollmundiger Genuss, der Süße, Würze und Cremigkeit in einem bemerkenswert ausgewogenen Verhältnis bietet. Und dann wäre da noch etwas, das oft erst am Ende erwähnt wird, aber gerade bei einem Alltagsformat entscheidend ist: die Verarbeitung.

Anschnitt und Zugwiderstand präsentierten sich vom ersten Zug an vollkommen unkompliziert. Der Widerstand war nahezu ideal und ermöglichte eine entspannte Rauchentwicklung. Der Abbrand verlief über die gesamte Dauer sauber und zuverlässig. Keine Zickereien oder Schiefbrände. Keine pädagogischen Maßnahmen mit dem Feuerzeug. Nasreddin Hodscha hätte seine wahre Freude an ihr gehabt! Einfach rauchen und Spaß haben.

Das vielleicht Erstaunlichste an der Dalay Oase bleibt jedoch ihr Format. Konzipiert als Bindeglied zwischen Half Corona und Short Robusto, wirkt sie zunächst wie eine klassische Kurzdistanz-Zigarre. Doch der Eindruck täuscht. Statt hektischer 30 Minuten schenkt sie dem Genießer knapp eine Stunde Rauchvergnügen. Rund 60 Minuten, die sich deutlich größer anfühlen, als das Format vermuten lässt. Und all das für 5,90 Euro.

Nasreddin Hodscha würde Dalay Oase rauchen

Man verwendet den Begriff „Preis-Leistungs-Sieger“ mittlerweile inflationär aber hier passt er tatsächlich. Die Dalay Oase ist ein absoluter Low-Brainer und gehört in jeden Humidor. Als Frühstücksbegleiter nach einem kräftigen Rührei, für die Pause zwischendurch und für den Feierabend auf dem Balkon (so, wie es bei mir war).

Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre des Nasreddin Hodscha. Wir verbringen unser Leben damit, nach den großen Oasen zu suchen. Nach dem perfekten Urlaub, dem besonderen Anlass, dem richtigen Zeitpunkt. Dabei sitzen die kleinen Oasen oft direkt vor uns. Man muss nur bereit sein, für eine Stunde vom Esel abzusteigen, sich in den Schatten zu setzen und zu erkennen: Die besten Geschichten waren nie die längsten. Und die schönsten Zigarren manchmal auch nicht.

EtwasGenuss wünscht euch euer
Toto


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