Als ich den Namen „Rough Rider“ zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich sofort ein ziemlich klares Bild vor Augen: Ein bärtiger Typ auf einer chromblitzenden Harley, Lederweste, Totenkopf-Bandana und eine Stimme wie ein Kieslaster mit Motorschaden. Eine Zigarre also, die einem beim Anzünden die Nasenhaare versengt und den Gaumen mit der Feinfühligkeit eines Presslufthammers bearbeitet. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus …
Rough Rider: So gar nicht rough!
Die Rough Rider Chapter One Robusto hat mit diesem Bild ungefähr so viel gemeinsam wie ein Golden Retriever mit einem Kangal. Statt Whiskey, Schlägerei und Lederkutte gibt es hier eher Cappuccino, gepflegte Konversation und einen entspannten Nachmittag auf der Terrasse. Der wilde Name erweist sich schnell als geschickte Tarnung für eine ausgesprochen freundliche, milde und unkomplizierte Dominikanerin.
Hergestellt wird die Zigarre von Jochi Blanco in der Tabacalera La Palma im dominikanischen Tamboril. Der Mann ist in der Zigarrenwelt längst kein Unbekannter und beweist auch hier solides Handwerk. Ein Connecticut Shade Deckblatt aus Ecuador umhüllt ein dominikanisches Umblatt und eine vollständig dominikanische Einlage. Das klingt zunächst wenig spektakulär, liefert aber genau das, was viele Freunde milder Zigarren suchen.
Ideal für einen Terrassen-Smoke
Die von mir gerauchte Robusto machte bereits beim ersten Eindruck eine ordentliche Figur. Das helle Connecticut-Deckblatt wirkte okay verarbeitet, wies eine dünnere Aderung auf und erschien etwas fleckig – aber okay. Die Zigarre ließ sich problemlos anschneiden und auch die Verarbeitung insgesamt gab keinen Anlass zur Kritik. Beim Zugverhalten zeigte sich die Rough Rider allerdings etwas zu großzügig. Der Zugwiderstand war alles in allem in Ordnung, hätte für meinen Geschmack aber ruhig etwas straffer ausfallen dürfen. Die Zigarre rauchte sich dadurch sehr leicht und unkompliziert, was sicherlich viele Aficionados begrüßen werden.
Geschmacklich plant die Rough Rider von Beginn an keine Revolution: Im Mittelpunkt stehen vor allem holzige Aromen, die sich nahezu durch den gesamten Rauchverlauf ziehen. Dazu gesellen sich ledrige Noten und eine dezente Erdigkeit. Wer häufiger Connecticut-Zigarren raucht, wird sich hier sofort zuhause fühlen. Die Aromatik ist angenehm, sauber und ausgewogen, bewegt sich aber über weite Strecken in einem recht überschaubaren Rahmen. Anders ausgedrückt: Die Rough Rider fährt geschmacklich ungefähr so schnurgerade wie ein amerikanischer Highway durch die Wüste Nevadas. Das kann man langweilig nennen. Man kann aber auch sagen, dass die Zigarre genau weiß, was sie sein möchte, und konsequent bei ihrem Konzept bleibt.
Rocker im Samtmäntelchen
Erst im späteren Rauchverlauf gewinnt sie etwas mehr Cremigkeit hinzu. Gegen Ende tauchen zudem leichte Nuss- und Säurenoten auf, die dem Profil noch einen kleinen zusätzlichen Akzent verleihen. Große Überraschungen bleiben jedoch aus. Wer nach komplexen Aromenwechseln, dramatischen Wendungen und geschmacklichen Feuerwerken sucht, wird hier vermutlich nicht glücklich werden. Wer dagegen eine ehrliche, milde und unkomplizierte Zigarre für den Alltag sucht, dürfte sich bestens aufgehoben fühlen: wie ein Rocker im Samtmäntelchen. Besonders hervorzuheben indes ist die mittelgraue, aber stabile Asche – ein Hauch von Rocker ist eben doch in ihr.
Besonders sympathisch wird die Rough Rider beim Blick auf den Preis. Rund 4,70 Euro für eine handgerollte Longfiller-Zigarre aus der Dominikanischen Republik sind heutzutage ein durchaus attraktives Angebot. Natürlich bewegt sie sich geschmacklich nicht auf dem Niveau deutlich teurerer Premiumzigarren. Das wäre aber auch eine ziemlich unfaire Erwartung. Stattdessen liefert sie genau das, was ihr Preisschild verspricht: solide Handwerksarbeit, angenehme Rauchdauer und einen unkomplizierten Genuss ohne größere Schwächen.
Eine „stabile“ Zigarre
Am Ende bleibt vor allem die Erkenntnis, dass man sich von Namen nicht täuschen lassen sollte. Die Rough Rider Chapter One Robusto klingt wie der Endgegner einer Motorradkneipe, entpuppt sich aber als ausgesprochen höflicher Zeitgenosse. Sie trägt zwar die Lederjacke eines Rockers, hat darunter aber eher den Charakter eines freundlichen Buchhalters. Holz, Leder, etwas Erde, später ein wenig Creme und dezente Nussnoten prägen das Geschehen. Komplexität steht dabei nicht auf dem Programm, Wohlfühlgenuss dagegen schon.
EtwasGenuss wünscht euch
Toto



